Regenkonzert

Es schüttet. Bindfadenregen. Blasen auf den Pfützen. Klack klack. Die Tropfen prasseln auf das Gerüst und tropfen von den Stangen. Klack klack klack auf Metall. Überall. Das Essemble von „Home Sweet Home“ probt auf der Tribüne unter dem kleinen Dach. Der einzige Ort, der im Junipark noch trocken ist. Klack klack klack. Durch den lauten Regen kann ich sie kaum hören. Ich stehe unter meinem Schirm und höre den Regentropfen zu. Wenn der Regen auf den Tanzteppich trifft, klingt er ganz dumpf. Plop, plop, plop. Dazwischen ein klack auf Metall, klack, plop, klack, plop. Ein Regenkonzert.
„Na, schönes Wetter, was?“ ruft mir der Wachmann zu. „Bitte?“, frage ich. „Niemand lacht hier“, sagt er und geht die Treppe zum Turm hoch. Ja, das Lachen ist heute Einigen vergangen. Die Präsentation von „Wohnen jetzt“ musste wegen des Wetters abgesagt werden. Die Schauspieler von „Home Sweet home“ hoffen noch, dass das Wetter besser wird und sie spielen dürfen.

Während wir warten, frisst sich der Regen weiter durch den Junipark, macht manch Neu-Entstandendes wieder kaputt. Mein Namensschild am selbstgehäkelten Band ist verwaschen, die Banner sind durchnässt. Aber ein paar Zuschauer finden den Weg in das Gerüst. Es ist 18 Uhr, „Home Sweet Home“ soll beginnen. Ich setze mich auf einen der wenigen trockenen Plätze auf der Tribüne. Anne Paffenholz, künstlerische Leitung, bittet um 15 Minuten Geduld bis „Home Sweet Home“ beginnt, um den Regenschauer abzuwarten. Und tatsächlich, der Regen wird schwächer und hört schließlich auf. Das Team des Essembles fängt an, den Tanzteppich vom Wasser zu befreien. Zwei Jungs aus dem Publikum helfen mit. Mit Schrubbern wischen sie das Wasser an die Seite, manchmal aber auch erst auf ihre eigenen Schuhe. „Schön, die beiden machen das richtig mit Inbrunnst, schwupp, schwupp!“, sagt eine ältere Zuschauerin hinter mir. Ich lache über diesen Kommentar. Wir sollen weitere Minuten warten, bis der Tanzteppich trocken ist, erklärt Anne Paffenholz. „Daumen drücken, dass wir trocken bleiben.“ Darauf kommt gleich die Antwort aus der Reihe hinter mir: „Das wird schon!“ ruft die Frau. Also schauen wir gespannt zu, wie der Tanzteppich und die Stühle getrocknet werden, weitere Minuten vergehen. Neben dem Junipark lichtet sich der Himmel ein kleines bisschen. „Guck mal! Jetzt wird’s richtig schön! Da ist ein Stück blauer Himmel“ – wieder der Kommentar von hinten. Nach weiteren zehn Minuten ist der Boden trocken, doch der Himmel wird wieder dunkler. „Home Sweet Home“, eine Musik-Theater-Performance von Christel Gbaguidi, beginnt.

Die Fragen des Stückes sind klar: Ist Wohnen ein Menschenrecht? Was bedeutet es, wohnungslos zu sein? Die Schauspieler tragen Gesetze vor, die das Recht auf Wohnraum betonen. Sie erzählen Geschichten über ihre Erfahrungen, die zeigen, dass der gewünschte Wohnraum keine Selbstverständlichkeit ist. „Wir brauchen die Wohnung, wir kriegen die Krise“ ist ein Mantra. „Home Sweet Home“ ist eine Performance über das Suchen und Finden verschiedener Wohn- und Lebensträume. Und den Wunsch, dass all diese Träume in Berlin einen Platz finden, nebeneinander und miteinander. Die Inszenierung ist ein Mix aus Sprachen und Kulturen, eine Mischung, die Berlin ausmacht. Die Laienkünstler und Musiker kommen aus sechs verschiedenen Nationen, wie Burkina Faso, Madagaskar, Italien und Israel, im Stück werden verschiedene Sprachen gesprochen.
Der Trompeter spielt ein langes Solo, etwa tragisch – passend zum wieder einsetzenden Regen, dazu erklingt ein afrikanisches Perkussion-Instrument, welches wie ein großes, hölzernes Xylophon ausshieht. Die Spieler singen mehrstimmig: „Home Sweet Home, Home Sweet Home“. Dabei stehen sie zwischen den Zuschauern, sodass ein Klangtepich entsteht.

Der Regen wird wieder stärker. Trotzdem kleben die Schauspieler nun Zettel mit Namen an die Zuschauer und ins Bühnenbild. „Zeitarbeiter, 27 / Studentin, 22 / Obdachloser, 17 / Susanne, 35“ steht auf ihnen geschrieben. Namen, die für jeden in Berlin stehen könnten, der auf der Suche nach Wohnraum ist.
Es regnet Blasen. Die Frau in der Reihe hinter mir macht sich Sorgen um eine junge Schauspielerin, die nur mit einem Kleid bekleidet auf dem Tanzteppich sitzt. Zu recht. Es ist furchtbar kalt und nass. Mittlerweile schüttet es, doch die Schauspieler wollen weiter spielen. Nach fünf weiteren Minuten im Starkregen bricht Regisseur Gbaguidi ab. Wir Zuschauer stehen auf und klatschen und hören lange nicht auf. Respekt vor der Leistung, noch so lange trotz des Wetters durchzuhalten. Gbaguidi ergreift das Wort. „Danke, ihr seid die besten! Der Regen ist unser Beispiel heute – er kann uns alle treffen. Es gibt viele obdachlose Menschen in Berlin, die dem Wetter ausgetzt sind. Wir wollten zeigen, was es bedeutet, wohnungslos zu sein. Aber nicht um den Preis, wenn man danach ins Krankenhaus muss. Deshalb brechen wir hier ab. Wir haben noch mehr zeigen, aber nicht heute. Danke, dass ihr ausgehalten habt.“ Wir klatschen wieder. Ich hören einen letzten Kommentar der Frau hinter mir: „Wir kommen wieder!“

Home Sweet Home, wieder am 29. Juni um 19.15 Uhr im Junipark.

Katharina

Kein Interesse.

Was macht man mit einem politischen Talk, wenn eine Seite der Interessenvertreter fern bleibt? Wie reagiert man, wenn Bedingungen für die Teilnahme gestellt werden? Wenn man Vorwürfe hört und Zweifel? Die Aktionsgruppe Reederei wollte einen Talk zur Stadtpolitischen Entwicklung von Berlin organisieren, in dem Gentrifizierungsgegner und Vertreter der Investoren- und Immobilienbranche und der Stadtentwicklung aufeinander treffen. Eine Diskussion, die Verdrängung thematisiert und Konsequenzen für Berlin aufzeigt und vieleicht auch Möglichkeiten, dagegen vorzugehen. Doch Interesse am öffentlichen Dialog hatte nur eine Seite: Die Getrifizierungsgegner. Was macht man in solch einer Situation?

Die Aktionsgruppe Reederei zeigte sich buchstäblich offen und las ihren Emailverkehr vor, in dem es eine Absage nach der anderen gehagelt hatte. „Nur wenn ich den Moderator vorher kennen lernen darf / Wer legt denn fest, ob das machbar ist? / Sich an einen Tisch zu setzen bringt nichts.“ So lasen sich einige der Absagen. Und die Aktionsgruppe Reederei fragte sich, ob sie zu naiv gewesen seien, ob sie der beinahe schon frechen Bedingungen der Gegenseite hätten gerecht werden müssen? Nein, mussten sie nicht.
Heraus kam ein Talk aus der Mieterperspektive; eine kleine intime Runde, in der manch ein Vertreter der Investoren Raum seine für Argumente gehabt hätte, in der die Ferngebliebenen interessierte Bürger ganz nah hätten erreichen können. Hätten.

So sprach und diskutierte nur eine Seite: Für den Stadtteil- und Infoladen Lunte aus Neukölln ist Christian in den Junipark gekommen. Die Lunte ist ein Zusammenschluss von Menschen, die gegen staatliche Einflussnahme sind und in der Stadtteiarbeit Selbstorganisation und Konsensentscheidungen befürworten.
Christians Schirmmütze sitzt tief im Gesicht. Die Bauchtasche hält er fest umklammert und wirkt fast etwas nervös. Doch das, was er erzählt, bewegt ihn und sprudelt nur so aus ihm heraus. Früher, sagt Christian, sei der Schillerkiez ein Dreckskiez gewesen, ein Kriminalitätsscherpunkt in Neukölln. Doch vor über sechs Jahren hätte der Wandel begonnen: Viele Häusen wären aufgekauft worden, die Mieten explodiert und Geringverdiener hätten sich eine Wohnung in ihrem Zuhause, dem Schillerkiez, nicht mehr leisten können. Ein Lehrstück der Gentrifizierung – so nennt Christian den Schillerkiez heute. „Uns hat die Heftigkeit und Geschwindigkeit des Prozesses erschreckt“ – sagt Christian. Es erschreckt ihn noch heute, wie schnell sich so ein Kiez verändern kann. Sie hätten vieles probiert, um gegen die Verdrängung gegen zu halten. Doch meist sei es sehr schwierig.

Neben Chrisitan sitzt Marlene. Eine junge Frau aus Kreuzberg, die sich seit anderthalb Jahren für die Initiative Kotti & Co, eine Mietergemeinschaft am Kottbusser Tor, engagiert. Marlene ist mit Leidenschaft dabei und sieht aus wie jemand, der Kreuzberg nicht nur als Heimat, sondern auch als Lebensgefühl bezeichnet. Warum sich sie für Kotti & Co engagiere? „Weil ich meinen Kiez sehr mag und dort bleiben möchte“, sagt Marlene. Und weil sie damit nicht alleine steht, organisiert sie in den Sozialbauten am Kottbusser Tor Hausversammlungen. Dabei treffen sich die Mieter eines Hausaufganges an den Briefkästen und sammeln mit einem Anwalt Mängel, welche es im Haus und in den Wohnungen gibt. Mit einer Mängelliste könnten die Anwohner die Miete um bis zu 20 Prozent mindern. „Trotz Sozialbauten steigen die Mieten durch Instandsetzungspauschalen“, sagt Marlene und ergänzt: „Aber da wird fast nichts gemacht! Das Verhältnis zwischen Miete und Qualität der Wohnungen ist katastrophal.“ Marlene ist nicht nur wütend, sie ist auch etwas enttäuscht. Viele Mieter wären zwar von der Initiative begeistert, aber wenn es drauf ankommen würde und es eine Demo gäbe, ja dann kämen nur 10 Mieter vorbei. „Viele haben schon den Mut und die Energie verloren, sich zu wehren. Wir sind ein Motor“, fasst Marlene zusammen.

Während Marlene erzählt, sitzt Hermann von der Berliner MieterGemeinschaft e.V mit verschränkten Armen da und hört konzentriert zu. Manchmal nickt er zustimmend. Hermann ist vielleicht einer derjenigen, vor denen sich die Vertreter der Investoren- und Immoblienbranche fürchten. Einer der klar kritisiert und Sätze wie „In Berlin gibt es schon lange keine ernsthafte Wohnungspolitik mehr“ in den Mund nimmt. Die Berliner MieterGemeinschaft e.V. hat vor zwei Jahren eine Berautungsstelle in Neukölln eröffnet, an der Sonnenallee, weil der Bedarf im Kiez immer mehr gestiegen sei. Dann gibt Hermann einen Abriss über die Stadtentwicklung von der Industrialisierung bis heute, und spricht davon, wie Städte wachsen und Wohnungsnotstände entstehen, wenn die Politik nicht genug tut. Doch auch Hermann hat wie Marlene Erfahrungen damit gemacht, dass sich Mieterproteste nur schwer organisieren lassen. Und so setzen er und seine Mitstreiter an anderen Baustellen an, beraten zum Mitrecht, sprechen über Betriebskostenabrechungen und Maßnahmen gegen Modernisierungen.

Hermann, Christian und Marlene beim dritten Junipark-Talk

Hermann (l.) , Christian und Marlene beim dritten Junipark-Talk die Stadtentwicklung in Neukölln und Kreuzberg

Dann schalten sich die Zuhörer ein, stellen Fragen zu Mileauschutzverordnungen und Lehrstandsspekulationen. Mietrechtliche Fragen werden von einer Expertin beantwortet. Eine Diskussion entsteht und funktioniert, auch wenn nur die eine Seite der Debatte antworten kann. Dass die Gegenseite zu der Thematik lieber schweigt, fällt nicht mehr auf. Das Desinteresse an einem lockeren Bürgertalk ist vielleicht schon Antwort genug.

Katharina

wandelbar

Jeder Spaziergang durch den Junipark ist ein anderer. Wie ein Chamäleon wandelt sich die Gerüststadt von Tag zu Tag. Immer mehr Spuren von Künstlern, Gästen und Werkstätten finde ich auf meiner Tour durch die Konstruktion. Nicht nur die Hangematten wechseln häufig den Ort. Auch die Stufen der Tribüne tragen einen Schriftzug der Jungen Pächter, bunte Wimpel und Schilder hängen im Gerüst. Darauf stehen Wünsche und Forderungen zum jungen Wohnen in Berlin. Am Gerüst hängen Fragezeichen, Zahlen, bunte Statements – der Junipark schreit seine Ideen nur so heraus.

Hinter der Bühne blüht und grünt es mit jedem Festival-Tag mehr. Der kleine Garten in den Holzkisten wird größer.

Kleiner Garten

Viele Gesichter, die mir begegenen, kommen mir bekannt vor. Die junge Studentin aus der Nachbarschaft, die ich in den ersten Tagen des Juniparks getroffen habe, ist wieder da und hat ein paar Freunde mitgebracht. Wir lächeln uns an. Doch dann sind da auch die Joggerinnen, die zufällig vorbei kommen und fasziniert stehen bleiben. Oder ein Mann mit Radsport-Sachen, der das Gerüst vom Tempelhofer Feld aus gesehen hat und zum Junipark gefahren ist. So mischen sich hier die verschiedensten Menschen und treffen aufeinander. Auf der Theke der Bar stehen Stullen, belegte Brote. Jeder darf sich kostenlos bedienen. Der Radfahrer nimmt sich eine und setzt sich auf die Tribühne. Schön.

Katharina

Der Beat geht noch

Das beste an den Nachbarschaftstagen im Junipark ist der Geruch vom Kochtstand. Kaum habe ich das Festival-Gelände betreten, riecht es nach gerösteten Kürbiskernen. Ganz eifrig bereiten Veronica und Nadja die Zutaten für das Nachbarschaftsessen am Abend vor. „Wir kochen heute interkulturell mit deutscher Küche und Gerichten vom Mittelmeer“, erzählt Veronika, während die junge Frau die gerösteten Kürbiskerne in der Pfanne umrührt. Panzanella soll es geben – ein Brotsalat mit Tomaten, Zwiebeln, Essig. Das Rezept stammt aus der Toskana. Das Brot liegt schon bereit, auch die Tomaten sind schon eingelegt. All das muss jetzt eine halbe Stunde ziehen, damit es den richtigen Geschmack annimmt. „Das Brot ist eigentlich schon älter, aber perfekt, um es für dieses Gericht zu verwenden. So nutzen wir etwas, was andere Leute schon entsorgt hätten“, sagt Veronica.

Nachhaltigkeit ist Veronica und Nadja wichtig. Beide engagieren sich in NGOs, die sich für nachhaltige Landwirtschaft einsetzen und kochen öfter in einem größeren Rahmen mit nachhaltigen Zutaten. Fast alle Kräuter und Gemüsezutaten stammen aus dem gemeinsamen Garten der beiden. Eine Stunde nördlich von Berlin bauen die beiden Frauen Zwiebeln, Möhren, Kräuter und Brennesseln an. Gestern fuhr Nadja zum Ernten dorthin und brachte drei Kisten frisch Geerntetes und Gepflücktes mit in den Junipark.

Brennesseln aus dem Garten

Mit den Brennesseln möchte Veronika Omelette verfeinern. Viele der Gerichte heute haben eine italienische Note. Veronica stammt aus Italien und hat viele Ideen davon mitgebracht. „In Sizilien treffen drei Kulturen aufeinander, die italinische, die mittelöstliche und die afrikanische. Dieser Mix spiegelt sich auch in der Gastronomie wieder.“ Nadja hat sich dagegen für einen Kräuterquark entschieden. Schade, dass bisher so wenig Helfer da sind. Momentan hilft nur eine junge Frau aus der Nachbarschaft mit.

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Ein paar Meter weiter, hinter der Gerüstkonstruktion, hat die Aktionsgruppe Reederei schon Tische und Stühle für den zweiten politischen Talk aufgestellt. Stadtutopien sind heute das Thema der Gesprächsrunde. Mit den Workshop-teilnehmern möchte Moderatorin Anna Maier am Ende einen Forderungskatalog ausarbeiten. Darum liegen auf jedem der fünf Tische  auch große weiße Blätter und bunte Filzstifte bereit.
Anna Mayer gibt ein Signal: Los geht’s und jeder Teilnehmer kann sich an einem Tisch einfinden. Ich setze mich zu zwei Jungs mit Migrationshintegrund an einen der Tische. Ich habe die beiden schon mal gesehen. Zu Beginn des Juniparks kamen sie bei Präsentationen oft dazu und haben gestört. Beide wohnen in der Boddinstraße, also in direkter Nachbarschaft zum Junipark. Heute hören sie den Initiatoren zu einem Projekt an der Sonnenallee konzentriert zu. Ich bin überrascht. Was würden die beiden Teenager gern an ihrer Nachbarschaft ändern? „Ein Kickerurnier“ ist die erste Antwort. Nein, ein Tischtennistunier. Also mehr Sportangebote. „Alles ist immer nur für Kinder. Für Jugendliche gibt es nichts“, sagt der Jüngere der beiden. Die beiden Initatorinnen des Projekts schreiben alles fleißig auf das weiße Blatt Papier. Dann wollen die Jungs selber ihre Wünsche aufschreiben. T-I-S-C-H-T-E-N-I-S-S – Sie korrigieren sich gegenseitig und malen aus dem zweiten „s“ kurzerhand einen Smiley. „Jeder lebt hier für sich allein. Hier ist keine Gemeinsschaft“ sagt der Ältere.  Auch das wird schnell notiert. Ich freue mich, dass die beiden das Angebot annehmen und mitmachen.

Nach 10 Minuten müssen wir Workshop-Teilnehmer den Tisch wechseln. Ich setze mich zu Jan am Tisch gegenüber. Jan wohnt in einem alten Futter-Silo mit einer Grundflche von 4,2 Quadratmetern. Das Silo ist sechs Meter hoch und Jan hat sich dort drin drei Etagen eingerichtet: Unten einen Keller mit Wassertanks und Heitung, dadrüber eine Wohnebene und ganz oben einen Bereich zum Schlafen. Alles ist rund und weil der Platz für eine Leiter in den Schlafbereich nicht gereicht hat, klettert er an der Innenwand wie an einer Kletterwand nach oben. Ich bin fasziniert. „Wie viel Platz braucht man zum Wohnen?“, fragt Jan. „Und was braucht man überhaupt auf wenig Raum? Worauf kann man verzichten?“ Eine Frage, die mich ins Grübeln bringt. In meinem 20 Quadratmeter WG-Zimmer bin ich stolz auf den Platz und die Freiheit, die mir diese Art zu wohnen bietet. Doch Jan hat überzeugende Argumente bereit. „Ich dachte, ich brauche selber ein Haus. Dieses kann ich überall hin mitnehmen.“ Mobilität, das eigene private Umfeld, das man nach jedem Umzug sich wieder neu aufbauen muss, einfach mitnehmen können. Weg von Mietabhängigkeiten und Hauskrediten. Eine junge Frau neben mir kann sich solches Wohnen gut vorstellen: „Ich würde das gern ausprobieren, aber dann als Wohngemeinschaft.“ Jan nickt. So eine Idee hätte auch schon gehabt. „Eine ganze Stadt aus ehemaligen Futtersilos wäre mein Traum.“ Die zehn Minuten sind um, doch ich bleibe noch sitzen und höre weiter zu.

Zuletzt sitze ich am Tisch einer Initiative, die eine alte Feuerwache in Lichtenberg kaufen wollen. Die Anwohner dort möchten ein Nachbarschaftshaus einrichten mit einer Kindertagesstätte und einem Kiezcafé. Dazu soll es Räume für verschiedene Angebote von Vereinen geben. Das hört sich alles spannend an und klingt nach einer guten Idee. Doch der Weg dahin, dieses Grundstück überhaupt kaufen zu können, ist sehr beschwerlich. Und so lausche ich einer detaillierten Diskussion darüber zu, wie Grundstücke in Berlin vergeben werden, die der Stadt Berlin gar nicht gehören und wie viel Geld dazu gehört. Schade, denke ich. Viele Gute Ideen haben es in dieser Stadt so schwer.

In der Pause tanzen vier Jungs Breakdance auf der Bühne. Ich setze mich erst etwas lustlos auf die Ränge. Doch die Teenager tanzen so eindrucksvoll, dass ich schnell mitklatsche. Der Jüngste sieht aus als wäre er erst 11 Jahre alt. Sie springen auf den Händen, drehen sich und springen Saltos. Nach dem Ende des Liedes ruft das Publikum nach einer Zugabe, die die Jungs auch nach kurzer Pause geben. Doch mitten im Lied fällt die Anlage aus. Die Zuschauer klatschen weiter, sogar mehrstimmig. Ein Zuschauer in der ersten Reihe ruft: „Hey, der Beat geht noch!“ und die Zugabe geht weiter. Toller Moment.

Katharina

Untot im hohen Gras

Der Blick ist starr, die linke Pupille leuchtet weiß. Die Hände zucken und Blut tropft aus den Mündern. Etwas gebeugt und schief rennen sie auf uns zu und wollen beißen. Die Zombies haben Berlin bevölkert, Schuld daran ist ein Parasit. Die Untoten leben auf der Brache am Junipark. Ein Ort, an dem schon viel über Brachennutzung diskutiert wurde. Was passiert mit freien Flächen in Berlin? Die Zwiefachen der Berliner Schaubühne haben dazu viele Ideen entwickelt und laden mit „Nice to eat you“ das Publikum zu einer Zombie-Tour durch den Junipark ein. Begleitet wird diese von den Untoten. Ein Erfahrungsbericht.

 Zombie

Am Eingang werden farbige Bändchen verteilt: pink, grün, schwarz, gelb und blau. Ich bekomme ein gelbes. Der Junipark ist sehr voll. Die Menschen rücken immer mehr auf der Tribüne zusammen. An jedem Arm leuchtet ein anders farbiges Bändchen. Die Show beginnt und der Zombie-Moderator betritt die Bühne. Im silbernen Jackett begrüßt er die Lebenden. Es gehe heute um den Kampf der letzten freien Fläche in Berlin, ein Filetstück sozusagen. Sichtlich läuft ihm das Wasser im Mund zusammen. Das weiße Auge starrt in die Zuschauer. 14 Ideen gibt es zu der Nutzung dieser Fläche. Vier davon wird jeder Zuschauer kennenlernen, auf einer Tour durch das hohe Gras um den Junipark. „Lasst euch von den Untoten nicht verunsichern“ ruft er noch und lacht. Dann halten die rechtlichen Zombies Farbkärtchen hoch und die Zuschauer müssen sich sortieren. Ich laufe zu meinem zuständigen Zombieführerin, gelb. Sie zuckt und starrt uns an mit ihrer weißen Pupille. Ein bisschen aufgeregt bin ich schon. Wer weiß, wo die Tour hinführt.

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Die erste Station ist an einem Weg nahe des Juniparks. Wir nehmen auf einem Kinder-Verkehrsteppich Platz und Sarah, keine Untote, erzählt uns von ihrer Idee für die Brache: Sie möchte eine „Kita Z“ bauen, ein Ort, der Kinder schon im Kleinkindalter wettbewerbsfähig macht und sie fit für die Ansprüche der Gesellschaft machen: Statt Spielplatz gibt es eine Arena, statt Mittagsschlaf nur ein Power-Nap.

 Sarah

Nur mäßig überzeugend, denke ich. Sarah führt uns in das hohe Gras hinein und zeigt, wo sie die Arena bauen möchte. Zwischendurch: Schreie. Ein Zombie ist in Sichtweite. Wir laufen hintereinander durchs hohe Gras.

Mitten auf dem Weg treffen wir auf Janna. Die junge Frau erzählt uns, was sie an Berlin nicht mag: „Berlin ist innerlich zerrissen. So wie die East-Side-Galery. Einfach auseinander gerissen, um einen Turm mit Loft-Wohnungen zu bauen. Wolltet ihr das?“, fragt sie in die Runde. Alle schütteln den Kopf. Schuld daran soll ein Zombievirus sein. Sarahs Lösung: Mitten in Berlin die Schwäbische Alb aufbauen. Nur das könne die Berliner davor bewahren, mit dem Zombievirus infiziert zu werden.

Janna

Bei der Tour über kleine Trampelpfade träumt Janna von einer geschwungenen Hügellandschaft und Apfelbäumen zur Selbstversorgung. Auf einmal ist hinter uns ein Zombie. Janna ruft nur: „Rennt!“ und wir alle rennen ihr hinterher. Ich versuche sehr bedacht, nicht auf eine der vielen Nacktschnecken zu treten, denn ich wüsste nicht was das größere Übel wäre: Zombie oder auf einer zermatschten Nacktschnecke ausrutschen. Auf einer Lichtung angekommen zählt Janna durch: „Sind auch alle da? Wirklich?“ Niemand ist verloren gegangen, ein Glück.

Ein Stück weiter sitzt Tabea auf einem Baumstamm. Wir nehmen davor Platz. Das Klima in Berlin sei rauer geworden, sagt sie. Die Jeansjacke trägt sie lässig übers rote Kleid. Berlin sei wie ein Eisberg, man müsse zueinander finden. Deswegen möchte Tabea am Junipark ein Begegnungszentrum für Untote und Sterbliche bauen. Inklusion der „People of the living dead“ – das ist ihr Slogan.

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Während sie spricht sitzt ein Zombie im Baum neben uns. Tabea schlägt vor, die Begegnung zu üben. Eine Freiwillige meldet sich. Auf ein Kommando sollen sich die beiden begegnen und begrüßen. Doch es ist erfolglos, statt die Hand zu geben, spuckt sich das Zombiemädchen in die Hand. Begegnung gescheitert. Eine passende Werbung für Tabeas Begegnungszentrum.

Zuletzt treffen wir auf Martin: Ein Fernglas baumelt um seinen Hals, auf dem Kopf trägt er einen Stoffhut, Forscherklischee. Nein, verändern soll sich hier am Junipark nichts. Ganz im Gegenteil: Martin möchte ein Zombiereservat bauen. Er ist ein Zombiloge. Wir dürfen auf seinem Feldbett mitten Im Gras Platz nehmen. Leider stinkt es hier sehr, ich halte mir mein Tuch vor die Nase. Doch Martin spricht unbeirrt über einen Parasiten, der die Menschen zu Zombies macht. Immer wieder schaut er durch sein Fernglas.

 Martin

Dieser Parasit kann seinen Wirt manipulieren, erklärt Martin und gibt den befallenen Wesen die Gabe der Telepathie. Genau diese möchte Martin erforschen. „Wir machen jetzt Forschung“ ruft Martin und drückt uns Taschenlampe und seinen Forscherkoffer in die Hand. Gemeinsam stapfen wir wieder hintereinander durchs hohe Gras. „Ihr seht nicht aus wie ein Forscherteam, sondern wie eine Schulklasse“, ruft Martin. Recht hat er. Die Stimmung ist gut. Und dann stimmt Martin ein Lied an und wir singen mit: „Hey, was geht ab, wir forschen die ganze Nacht.“ Schon sind wir wieder am Junipark angekommen.

Wir versammeln uns auf der Tribüne, die anderen Gruppen sind schon da. Im zweiten Teil der Show stellen alle 14 ihre Ideen vor. Dabei treten sie in vier verschiedenen Kategorien gegeneinander. Das Klatschen des Publikums entscheidet, welcher Bauvorschlag auf der Brache umgesetzt werden soll. Im Poetry-Slam rappt Sarah über ihre Wettbewerbs-Kita, beim romantischen Gedicht ist Tabea dran, doch beide können nicht überzeugen und werden von den Zombies gebissen. In der nächsten Runde singt Janne ein Lied im schönsten Schwäbischen Dialekt über ihre Alb. Martin stellt mit einem Zombie den Weg eines Parasiten durch den Körper da dar.

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Es macht Spaß, dem Ganzen zuzusehen. Die anderen sechs Teilnehmer und ihre Ideen klingen spannend, teilweise überzeugender. So stimmt ein Mädchen gegen Zombiefizierung an, jemand fordert eine freie Beiß-Zone oder wirbt für ein Zombie-Aussteiger-Programm. Zuletzt hält ein Immobilienmakler eine Rede, in der er vorschlägt, das Tempelhofer Feld auszubuddeln, mit Wasser füllen und das Tempelhofer Meer daraus zu machen.

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Die Zombies ächzen an den Seiten der Bühne und warten auf die, die das Publikum rauswählt. Dann stürzen sie sich auf die Verlierer rennen raus und es knallt. Nach kurzer Zeit kommen sie blutverschmiert wieder. Martin bleibt verschont und siegt, aus der Brache soll nun ein Zombiereservat. In seiner Siegesrede träumt er vom Weltfrieden und das Stück endet mit einem Lied in 14 Metern Höhe auf dem Junipark-Turm, dass Forscher Martin singt: „Aus diesem Gebiet wird ein Forscherreservat, damit wir lernen, wie sich ein Zombie paart.“

Katharina

Blühende Flaschen

Im Schatten unter der Gerüststadt entsteht seit Tagen eine eigene kleine Welt. Hängematten, Sofas und kleine Beete schaffen eine Wohnzimmer- und Datschen-Atmosphäre.
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Auf meiner Tour durch die Unterwelten des Juniparks entdecke ich Irene von der Stiftung SPI Stadtentwicklung. Mit dem Projekt „Wachsen und Werden“ ist sie Teil der Nachbarschaftstage. Mit Eimern voller Wasser gießt die 32-Jährige die Hochbeete unter dem Gerüst. „Ich hätte das Gerüst gern etwas begrünt“, sagt Irene.
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Beim Urban Gardening können die Besucher sich im Pflanzen und Gärtnern versuchen. Irene hat viele Blumen gekauft, Wiesen- und Balkonblüher, die noch eingepflanzt werden müssen. Außerdem gibt es sogenannte Samenbomben, die Gäste auf der Wiese verteilen können. „Der Junipark ist nur temporär hier, doch der Garten bleibt als Spur des Projekts“, erzählt Irene.
Heute hat die Moabiterin eine kleine Bastelaktion vorbereitet: Aus Plastikflaschen soll ein hängendes Beet entstehen. Ein Selbstversuch:

Irene gibt mir eine leere 1,5 Liter Plastikflasche, dazu einen Cutter, ein Messer, Kabelbinder, eine Blume und Erde.

Zu allererst piekse ich mit der Scheere Löcher in die Längsseite der Flasche. Dabei müssen nach Irenes Einweisung alle Löcher mit etwas Abstand zueinander in einer Reihe sein. Irene erklärt mir, dass die Löcher wichtig seien, damit das Wasser abfließen könne und die Erde etwas Luft bekäme. Ansonsten würde unser kleines Beet sehr schnell schimmeln.

Danach drehe ich die Flasche um und schneide, auf der gegenüberliegenden Seite der Löcher, mit der Scheere ein Fenster in die Flasche. Dort kommt später die Blume hinein. Dabei muss auch etwas Platz neben der Pflanze vorhanden sein, also darf das Fenster nicht zu klein sein.

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Irene gibt mir einen Einmalhandschuh und den Eimer mit Erde. Ich befülle die Flasche horizontal. Dabei brauche ich viel mehr Erde, als ich vorher gedacht habe. Besonders die Seiten müssen gut gefüllt sein, damit die Blume später nicht verrutscht.

Ich suche eine rosafarbene Blume aus. Irene zeigt mir, wie man die Wurzeln der Pflanze etwas lockert: Sie bohrt ein Loch in die festgedrückte Erde der Blume und zieht das Loch zu allen Seiten auseinander. „Das mache ich, damit die Wurzeln besser in der neuen Erde anwachsen“, erklärt mir Irene.

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Nun setze ich die Blume in die Flasche und nehme erneut Erde, um die Seiten noch etwas aufzufüllen und alle Wurzeln zu bedecken.

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Als die Blume festsitzt, verbindet Irene zwei Kabelbinder miteinander. Ich darf mir aussuchen, wohin wir das kleine Beet hängen und ich wähle eine Gerüststange neben der Bühne aus. Wir binden die Flasche mit den Kabelbindern fest und schieben die Flasche auf die Gerüststange herauf.

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Zuletzte gießt Irene meine Blume in der Flasche. Ein Mini-Beet mitten im Juniparkgerüst ist entstanden. Wie schön!

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