Regenkonzert

Es schüttet. Bindfadenregen. Blasen auf den Pfützen. Klack klack. Die Tropfen prasseln auf das Gerüst und tropfen von den Stangen. Klack klack klack auf Metall. Überall. Das Essemble von „Home Sweet Home“ probt auf der Tribüne unter dem kleinen Dach. Der einzige Ort, der im Junipark noch trocken ist. Klack klack klack. Durch den lauten Regen kann ich sie kaum hören. Ich stehe unter meinem Schirm und höre den Regentropfen zu. Wenn der Regen auf den Tanzteppich trifft, klingt er ganz dumpf. Plop, plop, plop. Dazwischen ein klack auf Metall, klack, plop, klack, plop. Ein Regenkonzert.
„Na, schönes Wetter, was?“ ruft mir der Wachmann zu. „Bitte?“, frage ich. „Niemand lacht hier“, sagt er und geht die Treppe zum Turm hoch. Ja, das Lachen ist heute Einigen vergangen. Die Präsentation von „Wohnen jetzt“ musste wegen des Wetters abgesagt werden. Die Schauspieler von „Home Sweet home“ hoffen noch, dass das Wetter besser wird und sie spielen dürfen.

Während wir warten, frisst sich der Regen weiter durch den Junipark, macht manch Neu-Entstandendes wieder kaputt. Mein Namensschild am selbstgehäkelten Band ist verwaschen, die Banner sind durchnässt. Aber ein paar Zuschauer finden den Weg in das Gerüst. Es ist 18 Uhr, „Home Sweet Home“ soll beginnen. Ich setze mich auf einen der wenigen trockenen Plätze auf der Tribüne. Anne Paffenholz, künstlerische Leitung, bittet um 15 Minuten Geduld bis „Home Sweet Home“ beginnt, um den Regenschauer abzuwarten. Und tatsächlich, der Regen wird schwächer und hört schließlich auf. Das Team des Essembles fängt an, den Tanzteppich vom Wasser zu befreien. Zwei Jungs aus dem Publikum helfen mit. Mit Schrubbern wischen sie das Wasser an die Seite, manchmal aber auch erst auf ihre eigenen Schuhe. „Schön, die beiden machen das richtig mit Inbrunnst, schwupp, schwupp!“, sagt eine ältere Zuschauerin hinter mir. Ich lache über diesen Kommentar. Wir sollen weitere Minuten warten, bis der Tanzteppich trocken ist, erklärt Anne Paffenholz. „Daumen drücken, dass wir trocken bleiben.“ Darauf kommt gleich die Antwort aus der Reihe hinter mir: „Das wird schon!“ ruft die Frau. Also schauen wir gespannt zu, wie der Tanzteppich und die Stühle getrocknet werden, weitere Minuten vergehen. Neben dem Junipark lichtet sich der Himmel ein kleines bisschen. „Guck mal! Jetzt wird’s richtig schön! Da ist ein Stück blauer Himmel“ – wieder der Kommentar von hinten. Nach weiteren zehn Minuten ist der Boden trocken, doch der Himmel wird wieder dunkler. „Home Sweet Home“, eine Musik-Theater-Performance von Christel Gbaguidi, beginnt.

Die Fragen des Stückes sind klar: Ist Wohnen ein Menschenrecht? Was bedeutet es, wohnungslos zu sein? Die Schauspieler tragen Gesetze vor, die das Recht auf Wohnraum betonen. Sie erzählen Geschichten über ihre Erfahrungen, die zeigen, dass der gewünschte Wohnraum keine Selbstverständlichkeit ist. „Wir brauchen die Wohnung, wir kriegen die Krise“ ist ein Mantra. „Home Sweet Home“ ist eine Performance über das Suchen und Finden verschiedener Wohn- und Lebensträume. Und den Wunsch, dass all diese Träume in Berlin einen Platz finden, nebeneinander und miteinander. Die Inszenierung ist ein Mix aus Sprachen und Kulturen, eine Mischung, die Berlin ausmacht. Die Laienkünstler und Musiker kommen aus sechs verschiedenen Nationen, wie Burkina Faso, Madagaskar, Italien und Israel, im Stück werden verschiedene Sprachen gesprochen.
Der Trompeter spielt ein langes Solo, etwa tragisch – passend zum wieder einsetzenden Regen, dazu erklingt ein afrikanisches Perkussion-Instrument, welches wie ein großes, hölzernes Xylophon ausshieht. Die Spieler singen mehrstimmig: „Home Sweet Home, Home Sweet Home“. Dabei stehen sie zwischen den Zuschauern, sodass ein Klangtepich entsteht.

Der Regen wird wieder stärker. Trotzdem kleben die Schauspieler nun Zettel mit Namen an die Zuschauer und ins Bühnenbild. „Zeitarbeiter, 27 / Studentin, 22 / Obdachloser, 17 / Susanne, 35“ steht auf ihnen geschrieben. Namen, die für jeden in Berlin stehen könnten, der auf der Suche nach Wohnraum ist.
Es regnet Blasen. Die Frau in der Reihe hinter mir macht sich Sorgen um eine junge Schauspielerin, die nur mit einem Kleid bekleidet auf dem Tanzteppich sitzt. Zu recht. Es ist furchtbar kalt und nass. Mittlerweile schüttet es, doch die Schauspieler wollen weiter spielen. Nach fünf weiteren Minuten im Starkregen bricht Regisseur Gbaguidi ab. Wir Zuschauer stehen auf und klatschen und hören lange nicht auf. Respekt vor der Leistung, noch so lange trotz des Wetters durchzuhalten. Gbaguidi ergreift das Wort. „Danke, ihr seid die besten! Der Regen ist unser Beispiel heute – er kann uns alle treffen. Es gibt viele obdachlose Menschen in Berlin, die dem Wetter ausgetzt sind. Wir wollten zeigen, was es bedeutet, wohnungslos zu sein. Aber nicht um den Preis, wenn man danach ins Krankenhaus muss. Deshalb brechen wir hier ab. Wir haben noch mehr zeigen, aber nicht heute. Danke, dass ihr ausgehalten habt.“ Wir klatschen wieder. Ich hören einen letzten Kommentar der Frau hinter mir: „Wir kommen wieder!“

Home Sweet Home, wieder am 29. Juni um 19.15 Uhr im Junipark.

Katharina

Sozialromantik, ein Butterbrot oder das Gefühl X

 

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Ich nehme mir ein Butterbrot von einem Teller, der auf der Bar am Eingang im Junipark steht. Es kostet nichts. Ich gebe dafür eine kleine Spende und denke, das ist genau das Problem: in der „großen“ Welt geht es am Ende immer ums Geld. Wer wie viel hat, im Vergleich zu den Anderen. Die, die reich sind, tun alles, um immer noch mehr zu bekommen, auch weil sie Macht wollen. Und die, die arm sind, bleiben auf der Strecke. Und das sollen sie wohlmöglich auch. Koste es, was es wolle. Moral spielt keine Rolle. So sieht es aus. Sie und wir. Wobei die meisten von uns ja nach den gleichen Prinzipien handeln. Jeder ist sich selbst der Nächste und gleich nach dem wir nicht mehr mit dem Versorgen unserer Grundbedürfnisse beschäftigt sind, kaufen wir auch die schicken Tunschuhe, egal wer sie genäht hat und unter welchen Umständen. Und sammeln möglichst mehr Punkte an der Uni, als die anderen. Es lebe der Wettbewerb.

Ich beiße in mein Butterbrot und ja klar: reich gegen arm, dass ist viel zu polarisierend. Es gibt ja auch „gute“ Reiche, die sinnvolle Dinge mit ihrem Geld machen. Gut gegen böse, das ist auch eher Hollywood. Faul gegen fleißig? Oder, sozial gegen asozial? Dumm gegen schlau? Langweilig gegen kreativ? Das sind keine zulässigen Gegenüberstellungen. Und das polarisieren bringt sowieso keine Lösung.

Der JUNIPARK zeigt an den Nachbarschaftstagen ein anderes Prinzip: Geben und nehmen, teilen und tauschen. Bunt, kreativ, aktiv. Es wird gemeinsam gekocht, gehäkelt, gewerkelt, gebaut, geredet, gesponnen, gespielt, gesehen, sich gefreut. Ein buntes Potpourri von schönen, bereichernden Erfahrungen. Kaum Leistungsdruck. Ein bisschen Kultur. Nicht so sehr Politik. Ja. Das Brot vom Bio-Bäcker schmeckt köstlich. Also, wie kann man die Welt verändern? Ich, hier im JUNIPARK, mit einer Stulle in der Hand, an der Bar, wünsche mir eine Antwort auf diese Frage. Eine Lösung für dieses große gesamtgesellschaftliche Problem. Auf das es gerechter auf Erden zugehen soll. Auf das sich etwas ändert…

Die Butter auf meinem Brot schmeckt leicht salzig. Das gefällt mir. Und ich überlege: Hätte ich die Möglichkeit unsere unvollkommene Welt zu verbessern, was würde ich ändern? Was soll so bleiben wie es ist? Und ich? Wie bin ich? Gedankenspiele. Fehlt denen mit dem vielen Geld nicht auch irgend etwas, das es aber nicht zu kaufen gibt? Gibt es auch für sie einen Mangel, den sie fühlen, mit dem wir sie einbinden könnten? Um so einen Weg zueinander zu finden und eine Lösung? Oder geht es gar nicht um die, die zu viel haben, sondern um die, die zu wenig haben? Auf das deren Lebensgeister geweckt werden und sie lernen sich selber an den Haaren aus dem Sumpf zu ziehen? Weil sie erkennen, dass sie schon etwas besitzen, das es gar nicht zu kaufen gibt. Über das eigentlich alle Menschen verfügen.

Wie schön wäre es, in der Gruppe mit anderen zu agieren. Mit der Familie, Freunden. Kindern, Erwachsenen, Alten. Erfolgreich Beziehungen zu knüpfen. Sie aufrecht erhalten zu können. Genug zu essen haben. Eine hübsche Wohnung. Friedlich leben. Es selber sein. Aktiv teilhaben können und kreativ wirken. Mit dem Gefühl X.

Denn, dann wüsste ich vielleicht, wie es gehen könnte. Also, wie „die“ – wir alle und ich – die Welt zum Freudigeren hin verändern könnten? Trotz all der unterschiedlichen Prägungen, die wir in unseren Familien erfahren haben. Den Bedürfnissen. Gesellschaftlichen Zwängen… So, dass soziales anstelle von asozialem Verhalten plötzlich im Vordergrund stünde. Moralische Kategorien als Leitfaden für ein glückliches Leben… Ein naives Wünschen. Kitschig. Ich weiß. Trotzdem.

Ich wische mir einen Brotkrümel von meinem Mund weg. Wäre das eine Möglichkeit: durch positive Erfahrungen, die einem vorgelebt werden, die man bemerkt und selber durchlebt, die eigenen Ansichten zu ändern? Irgendwann die persönliche Haltung. Und später auch alltägliche Handlungen? kreativ spielerisch, frei von Zwang. Weil das Gefühl X so weit reichend wirkt. Oder bleibt die Angst immer zu groß? Es könnte unser soziales Gefüge völlig verändern. Alles wird gut. In ganz kleinen Schritten. Weil jeder dieses Gefühl X auch unbedingt haben wollte. Gar nicht genug davon bekäme. Im Leben. Mit all den Anderen. Das würde wirken auf uns. Und unsere Beziehung zu Y. Dem Ort, in der Stadt. So, wie wir wohnen würden in der Welt… Zusammenleben. Frei sein. Sich nicht die Butter vom Brot nehmen lassen, aber wenn es nötig ist, den anderen auch eins schmieren. Damit es uns allen gut geht.

Ich fantasiere: Kämen doch alle mal im JUNIPARK an einem Nachbarschaftstag vorbei und sähen, was hier geschieht… Hier könnten sie positive Erfahrungen sammeln. Das könnte vielleicht etwas ändern. Herr und Frau Skrupellos würden ihren Mangel begreifen und die Immobilienhaie, gnadenlosen Geschäftsleute. Die passiv Vor-sich-hindümpelnden, die mit der Lass-mich-bloß-in-Ruhe-Haltung, die scheinbar Hoffnungslosen. Sie alle spürten nämlich das Gefühl X.

Sie würden im JUNIPARK an der Bar stehen, mit einem Butterbrot in der Hand und einer Limonade oder einem Glas Wein und in diesem Moment bei sich selbst ein Fehlen ausmachen. Von etwas. Dem Gefühl X. Das hinter und unter den dicken Schichten der Jeder-gegen-jeden-Glaubenssätze und unseren Sicherheitskorsetts verborgen ist. Auch sie würden es zaghaft spüren. Erst ganz sachte, dann immer intensiver. Und ihr Sehnen danach würde allmählich so stark werden, sich so sehr in ihnen breit machen, dass sie anfangen würden danach zu suchen. Endlich. Gierig. Nach diesem Gefühl X.

Antonia

PS: Freitag 27.06. und Sonntag 29.6.2014 sind noch mal zwei Nachbarschaftstage im JUNIPARK

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Flieg Junipark, flieg

Mit der Heißklebepistole zieht Luke geduldig einen Kreis auf dem orangefarbenen Plastik. Dann drückt der 14-Jährige eine durchsichtige Plastikhalbkugel auf den Kleber, das sieht aus wie eine kleine, gläserne Kuppel. Zufrieden blickt der Teenager sein Werk an: Die Uhr auf dem Cockpit nimmt Formen an. „Mein Vater und ich kamen auf die Idee, für den Turm ein Cockpit zu bauen“, sagt Luke. Mit seinem jüngeren Bruder bastelte er schon einen Radar, verschiedene Knöpfe und einen beweglichen Joystick auf  Plastiktabletts. Nun ist der Feinschliff dran und Luke baut konzentriert die letzten Teile an.

Beim Bauworkshop „Baulücken aufspüren und professionell nutzen“ am Nachbarschaftstag kann sich jeder kostenlos beteiligen. Luke kam, weil sein Bruder bei einer der Präsentationen mitgewirkt hatte. Am Gerüst stapeln sich Planen, Teppiche, Kunsstoffe und Styropor. Mitgebracht hat all dies Anja Scheffer. Als Regisseurin betreute sie die Präsentation „Weltweit…unterwegs“ von der Nürtigen-Grundschule in Kreuzberg. In der Erabeitung des Stücks arbeiteten Anja Scheffer und ihre Kollegen Daria Kornysheva und DJ B.Side mit vielen Materialien, die die Schüler verarbeiteten. Doch Einiges blieb übrig und das brachten die Künstler zum Bauworkshop mit in den Junipark. „Mit unseren Resten bauen wir uns heute in das Gerüst ein“; sagt Anja Scheffer. Jeder darf das bauen, was er möchte. So entstehen Lampen und kleine, individuelle Kunstwerke.

An der Rückseite der Bühne haben drei Jungs eine Baulücke aufgespürt und sich Kaninchendraht und einen Plane genommen. „Wir bauen hier ein Haus“, sagt Moritz und erklärt mir genau, was er vorhat: „Den Kaninchendraht bauen wir in zwei Schichten übereinander und dann spannen wir als Dach eine Plane drüber. Dann kommen Stühle und Kissen in das Haus.“ Noch ist nur der Rohbau zu sehen, aber der 12-Jährige möchte mindestens noch zwei Stunden weiterbauen.

Um die Ecke ist Luke mit dem Cockpit fertig geworden. Mit seinem Bruder möchte er es jetzt oben am Turm anbauen. „Der Ausblick da oben ist toll“; sagt Luke. Damit er diese Meinung teilen kann, baut der Jugendliche ein Walkie-Talkie an das Cockpit, das Gegenstück wird unten am Gerüst seinen Platz finden. So können die Gäste ab jetzt nach oben zum Turm funken, ach nein, zum Cockpit. Also: Zehn, neun, acht, sieben, sechs, fünf, vier, drei, zwei, eins…flieg Junipark, flieg.

Katharina

Kein Interesse.

Was macht man mit einem politischen Talk, wenn eine Seite der Interessenvertreter fern bleibt? Wie reagiert man, wenn Bedingungen für die Teilnahme gestellt werden? Wenn man Vorwürfe hört und Zweifel? Die Aktionsgruppe Reederei wollte einen Talk zur Stadtpolitischen Entwicklung von Berlin organisieren, in dem Gentrifizierungsgegner und Vertreter der Investoren- und Immobilienbranche und der Stadtentwicklung aufeinander treffen. Eine Diskussion, die Verdrängung thematisiert und Konsequenzen für Berlin aufzeigt und vieleicht auch Möglichkeiten, dagegen vorzugehen. Doch Interesse am öffentlichen Dialog hatte nur eine Seite: Die Getrifizierungsgegner. Was macht man in solch einer Situation?

Die Aktionsgruppe Reederei zeigte sich buchstäblich offen und las ihren Emailverkehr vor, in dem es eine Absage nach der anderen gehagelt hatte. „Nur wenn ich den Moderator vorher kennen lernen darf / Wer legt denn fest, ob das machbar ist? / Sich an einen Tisch zu setzen bringt nichts.“ So lasen sich einige der Absagen. Und die Aktionsgruppe Reederei fragte sich, ob sie zu naiv gewesen seien, ob sie der beinahe schon frechen Bedingungen der Gegenseite hätten gerecht werden müssen? Nein, mussten sie nicht.
Heraus kam ein Talk aus der Mieterperspektive; eine kleine intime Runde, in der manch ein Vertreter der Investoren Raum seine für Argumente gehabt hätte, in der die Ferngebliebenen interessierte Bürger ganz nah hätten erreichen können. Hätten.

So sprach und diskutierte nur eine Seite: Für den Stadtteil- und Infoladen Lunte aus Neukölln ist Christian in den Junipark gekommen. Die Lunte ist ein Zusammenschluss von Menschen, die gegen staatliche Einflussnahme sind und in der Stadtteiarbeit Selbstorganisation und Konsensentscheidungen befürworten.
Christians Schirmmütze sitzt tief im Gesicht. Die Bauchtasche hält er fest umklammert und wirkt fast etwas nervös. Doch das, was er erzählt, bewegt ihn und sprudelt nur so aus ihm heraus. Früher, sagt Christian, sei der Schillerkiez ein Dreckskiez gewesen, ein Kriminalitätsscherpunkt in Neukölln. Doch vor über sechs Jahren hätte der Wandel begonnen: Viele Häusen wären aufgekauft worden, die Mieten explodiert und Geringverdiener hätten sich eine Wohnung in ihrem Zuhause, dem Schillerkiez, nicht mehr leisten können. Ein Lehrstück der Gentrifizierung – so nennt Christian den Schillerkiez heute. „Uns hat die Heftigkeit und Geschwindigkeit des Prozesses erschreckt“ – sagt Christian. Es erschreckt ihn noch heute, wie schnell sich so ein Kiez verändern kann. Sie hätten vieles probiert, um gegen die Verdrängung gegen zu halten. Doch meist sei es sehr schwierig.

Neben Chrisitan sitzt Marlene. Eine junge Frau aus Kreuzberg, die sich seit anderthalb Jahren für die Initiative Kotti & Co, eine Mietergemeinschaft am Kottbusser Tor, engagiert. Marlene ist mit Leidenschaft dabei und sieht aus wie jemand, der Kreuzberg nicht nur als Heimat, sondern auch als Lebensgefühl bezeichnet. Warum sich sie für Kotti & Co engagiere? „Weil ich meinen Kiez sehr mag und dort bleiben möchte“, sagt Marlene. Und weil sie damit nicht alleine steht, organisiert sie in den Sozialbauten am Kottbusser Tor Hausversammlungen. Dabei treffen sich die Mieter eines Hausaufganges an den Briefkästen und sammeln mit einem Anwalt Mängel, welche es im Haus und in den Wohnungen gibt. Mit einer Mängelliste könnten die Anwohner die Miete um bis zu 20 Prozent mindern. „Trotz Sozialbauten steigen die Mieten durch Instandsetzungspauschalen“, sagt Marlene und ergänzt: „Aber da wird fast nichts gemacht! Das Verhältnis zwischen Miete und Qualität der Wohnungen ist katastrophal.“ Marlene ist nicht nur wütend, sie ist auch etwas enttäuscht. Viele Mieter wären zwar von der Initiative begeistert, aber wenn es drauf ankommen würde und es eine Demo gäbe, ja dann kämen nur 10 Mieter vorbei. „Viele haben schon den Mut und die Energie verloren, sich zu wehren. Wir sind ein Motor“, fasst Marlene zusammen.

Während Marlene erzählt, sitzt Hermann von der Berliner MieterGemeinschaft e.V mit verschränkten Armen da und hört konzentriert zu. Manchmal nickt er zustimmend. Hermann ist vielleicht einer derjenigen, vor denen sich die Vertreter der Investoren- und Immoblienbranche fürchten. Einer der klar kritisiert und Sätze wie „In Berlin gibt es schon lange keine ernsthafte Wohnungspolitik mehr“ in den Mund nimmt. Die Berliner MieterGemeinschaft e.V. hat vor zwei Jahren eine Berautungsstelle in Neukölln eröffnet, an der Sonnenallee, weil der Bedarf im Kiez immer mehr gestiegen sei. Dann gibt Hermann einen Abriss über die Stadtentwicklung von der Industrialisierung bis heute, und spricht davon, wie Städte wachsen und Wohnungsnotstände entstehen, wenn die Politik nicht genug tut. Doch auch Hermann hat wie Marlene Erfahrungen damit gemacht, dass sich Mieterproteste nur schwer organisieren lassen. Und so setzen er und seine Mitstreiter an anderen Baustellen an, beraten zum Mitrecht, sprechen über Betriebskostenabrechungen und Maßnahmen gegen Modernisierungen.

Hermann, Christian und Marlene beim dritten Junipark-Talk

Hermann (l.) , Christian und Marlene beim dritten Junipark-Talk die Stadtentwicklung in Neukölln und Kreuzberg

Dann schalten sich die Zuhörer ein, stellen Fragen zu Mileauschutzverordnungen und Lehrstandsspekulationen. Mietrechtliche Fragen werden von einer Expertin beantwortet. Eine Diskussion entsteht und funktioniert, auch wenn nur die eine Seite der Debatte antworten kann. Dass die Gegenseite zu der Thematik lieber schweigt, fällt nicht mehr auf. Das Desinteresse an einem lockeren Bürgertalk ist vielleicht schon Antwort genug.

Katharina

wandelbar

Jeder Spaziergang durch den Junipark ist ein anderer. Wie ein Chamäleon wandelt sich die Gerüststadt von Tag zu Tag. Immer mehr Spuren von Künstlern, Gästen und Werkstätten finde ich auf meiner Tour durch die Konstruktion. Nicht nur die Hangematten wechseln häufig den Ort. Auch die Stufen der Tribüne tragen einen Schriftzug der Jungen Pächter, bunte Wimpel und Schilder hängen im Gerüst. Darauf stehen Wünsche und Forderungen zum jungen Wohnen in Berlin. Am Gerüst hängen Fragezeichen, Zahlen, bunte Statements – der Junipark schreit seine Ideen nur so heraus.

Hinter der Bühne blüht und grünt es mit jedem Festival-Tag mehr. Der kleine Garten in den Holzkisten wird größer.

Kleiner Garten

Viele Gesichter, die mir begegenen, kommen mir bekannt vor. Die junge Studentin aus der Nachbarschaft, die ich in den ersten Tagen des Juniparks getroffen habe, ist wieder da und hat ein paar Freunde mitgebracht. Wir lächeln uns an. Doch dann sind da auch die Joggerinnen, die zufällig vorbei kommen und fasziniert stehen bleiben. Oder ein Mann mit Radsport-Sachen, der das Gerüst vom Tempelhofer Feld aus gesehen hat und zum Junipark gefahren ist. So mischen sich hier die verschiedensten Menschen und treffen aufeinander. Auf der Theke der Bar stehen Stullen, belegte Brote. Jeder darf sich kostenlos bedienen. Der Radfahrer nimmt sich eine und setzt sich auf die Tribühne. Schön.

Katharina

Auf 14 Metern

Viele junge Menschen besuchen den Junipark. Viele von ihnen haben eine ganz eigene Meinung zur Wohnsituation in Berlin. Oben auf dem Turm des Juniparks, auf 14 Meter Höhe, habe ich mich mit jungen Menschen unterhalten und gefragt, wie sie zur Wohnsituation in Berlin stehen. Katharina

 

Ich zahle für mein WG-Zimmer 420 Euro. Als ich nach Deutschland kam, wusste ich nicht, wie viel man für ein Zimmer zahlen muss. Also habe ich das Zimmer genommen, weil niemand mir gesagt hat, was hier teuer bedeutet. Das ist unfähr. Es müsste eine Instanz geben, die uns davor schützt, von Vermietern ausgebeutet zu werden.

Chloe, 21, Austauschstudentin aus Kalifornien, wohnt seit 10 Monaten in der Hermannstraße

 

Viele meiner Freunde, die nach Berlin gezogen sind, brauchten eine lange Eingewöhnungszeit. Weil die Stadt so anonym ist, ist es nicht einfach, sich hier als Zugezogener zurecht zu finden. Außerdem denke ich, dass das Liebenswerte an Berlin nicht die touristischen Attraktionen, sondern die netten Hinterhöfe und die Gemeinschaften sind. Doch wenn die immer mehr durch teure Mieten verschwinden, verschwindet auch das, was Berlin eigentlich ausmacht.

Joachim, 23, Student aus Tübingen, mehrmals im Jahr zu Besuch in Berlin

 

Mit meiner kleinen Tochter und meinem Vater wohne ich in einer Drei-Zimmer-Wohnung in Lichtenberg. Das kann manchmal ganz schön eng werden. Ich würde gern mit meinem Kind umziehen und selbstständig werden, aber das ist schwer, weil die Mieten so hoch sind.

Katherina, 23, wohnt in Lichtenberg

 

Nina

Natürlich ist es gut, wenn baufällige Wohnhäuser in Berlin saniert werden. Aber ich finde es sehr schade, wenn dadurch Häuser ihren Charme verlieren. Die alte Holztreppe im Treppenhaus ist vielleicht etwas abgetreten, aber sie wird einfach abgerissen und eine neue Treppe wird eingebaut, statt das Besondere zu restaurieren und zu erhalten. Das hebt die Mieten und ein Stadtteil nach dem anderen verändert sich.

Nina, 23, Studentin aus Neukölln