Flieg Junipark, flieg

Mit der Heißklebepistole zieht Luke geduldig einen Kreis auf dem orangefarbenen Plastik. Dann drückt der 14-Jährige eine durchsichtige Plastikhalbkugel auf den Kleber, das sieht aus wie eine kleine, gläserne Kuppel. Zufrieden blickt der Teenager sein Werk an: Die Uhr auf dem Cockpit nimmt Formen an. „Mein Vater und ich kamen auf die Idee, für den Turm ein Cockpit zu bauen“, sagt Luke. Mit seinem jüngeren Bruder bastelte er schon einen Radar, verschiedene Knöpfe und einen beweglichen Joystick auf  Plastiktabletts. Nun ist der Feinschliff dran und Luke baut konzentriert die letzten Teile an.

Beim Bauworkshop „Baulücken aufspüren und professionell nutzen“ am Nachbarschaftstag kann sich jeder kostenlos beteiligen. Luke kam, weil sein Bruder bei einer der Präsentationen mitgewirkt hatte. Am Gerüst stapeln sich Planen, Teppiche, Kunsstoffe und Styropor. Mitgebracht hat all dies Anja Scheffer. Als Regisseurin betreute sie die Präsentation „Weltweit…unterwegs“ von der Nürtigen-Grundschule in Kreuzberg. In der Erabeitung des Stücks arbeiteten Anja Scheffer und ihre Kollegen Daria Kornysheva und DJ B.Side mit vielen Materialien, die die Schüler verarbeiteten. Doch Einiges blieb übrig und das brachten die Künstler zum Bauworkshop mit in den Junipark. „Mit unseren Resten bauen wir uns heute in das Gerüst ein“; sagt Anja Scheffer. Jeder darf das bauen, was er möchte. So entstehen Lampen und kleine, individuelle Kunstwerke.

An der Rückseite der Bühne haben drei Jungs eine Baulücke aufgespürt und sich Kaninchendraht und einen Plane genommen. „Wir bauen hier ein Haus“, sagt Moritz und erklärt mir genau, was er vorhat: „Den Kaninchendraht bauen wir in zwei Schichten übereinander und dann spannen wir als Dach eine Plane drüber. Dann kommen Stühle und Kissen in das Haus.“ Noch ist nur der Rohbau zu sehen, aber der 12-Jährige möchte mindestens noch zwei Stunden weiterbauen.

Um die Ecke ist Luke mit dem Cockpit fertig geworden. Mit seinem Bruder möchte er es jetzt oben am Turm anbauen. „Der Ausblick da oben ist toll“; sagt Luke. Damit er diese Meinung teilen kann, baut der Jugendliche ein Walkie-Talkie an das Cockpit, das Gegenstück wird unten am Gerüst seinen Platz finden. So können die Gäste ab jetzt nach oben zum Turm funken, ach nein, zum Cockpit. Also: Zehn, neun, acht, sieben, sechs, fünf, vier, drei, zwei, eins…flieg Junipark, flieg.

Katharina

Auf 14 Metern

Viele junge Menschen besuchen den Junipark. Viele von ihnen haben eine ganz eigene Meinung zur Wohnsituation in Berlin. Oben auf dem Turm des Juniparks, auf 14 Meter Höhe, habe ich mich mit jungen Menschen unterhalten und gefragt, wie sie zur Wohnsituation in Berlin stehen. Katharina

 

Ich zahle für mein WG-Zimmer 420 Euro. Als ich nach Deutschland kam, wusste ich nicht, wie viel man für ein Zimmer zahlen muss. Also habe ich das Zimmer genommen, weil niemand mir gesagt hat, was hier teuer bedeutet. Das ist unfähr. Es müsste eine Instanz geben, die uns davor schützt, von Vermietern ausgebeutet zu werden.

Chloe, 21, Austauschstudentin aus Kalifornien, wohnt seit 10 Monaten in der Hermannstraße

 

Viele meiner Freunde, die nach Berlin gezogen sind, brauchten eine lange Eingewöhnungszeit. Weil die Stadt so anonym ist, ist es nicht einfach, sich hier als Zugezogener zurecht zu finden. Außerdem denke ich, dass das Liebenswerte an Berlin nicht die touristischen Attraktionen, sondern die netten Hinterhöfe und die Gemeinschaften sind. Doch wenn die immer mehr durch teure Mieten verschwinden, verschwindet auch das, was Berlin eigentlich ausmacht.

Joachim, 23, Student aus Tübingen, mehrmals im Jahr zu Besuch in Berlin

 

Mit meiner kleinen Tochter und meinem Vater wohne ich in einer Drei-Zimmer-Wohnung in Lichtenberg. Das kann manchmal ganz schön eng werden. Ich würde gern mit meinem Kind umziehen und selbstständig werden, aber das ist schwer, weil die Mieten so hoch sind.

Katherina, 23, wohnt in Lichtenberg

 

Nina

Natürlich ist es gut, wenn baufällige Wohnhäuser in Berlin saniert werden. Aber ich finde es sehr schade, wenn dadurch Häuser ihren Charme verlieren. Die alte Holztreppe im Treppenhaus ist vielleicht etwas abgetreten, aber sie wird einfach abgerissen und eine neue Treppe wird eingebaut, statt das Besondere zu restaurieren und zu erhalten. Das hebt die Mieten und ein Stadtteil nach dem anderen verändert sich.

Nina, 23, Studentin aus Neukölln

 

Untot im hohen Gras

Der Blick ist starr, die linke Pupille leuchtet weiß. Die Hände zucken und Blut tropft aus den Mündern. Etwas gebeugt und schief rennen sie auf uns zu und wollen beißen. Die Zombies haben Berlin bevölkert, Schuld daran ist ein Parasit. Die Untoten leben auf der Brache am Junipark. Ein Ort, an dem schon viel über Brachennutzung diskutiert wurde. Was passiert mit freien Flächen in Berlin? Die Zwiefachen der Berliner Schaubühne haben dazu viele Ideen entwickelt und laden mit „Nice to eat you“ das Publikum zu einer Zombie-Tour durch den Junipark ein. Begleitet wird diese von den Untoten. Ein Erfahrungsbericht.

 Zombie

Am Eingang werden farbige Bändchen verteilt: pink, grün, schwarz, gelb und blau. Ich bekomme ein gelbes. Der Junipark ist sehr voll. Die Menschen rücken immer mehr auf der Tribüne zusammen. An jedem Arm leuchtet ein anders farbiges Bändchen. Die Show beginnt und der Zombie-Moderator betritt die Bühne. Im silbernen Jackett begrüßt er die Lebenden. Es gehe heute um den Kampf der letzten freien Fläche in Berlin, ein Filetstück sozusagen. Sichtlich läuft ihm das Wasser im Mund zusammen. Das weiße Auge starrt in die Zuschauer. 14 Ideen gibt es zu der Nutzung dieser Fläche. Vier davon wird jeder Zuschauer kennenlernen, auf einer Tour durch das hohe Gras um den Junipark. „Lasst euch von den Untoten nicht verunsichern“ ruft er noch und lacht. Dann halten die rechtlichen Zombies Farbkärtchen hoch und die Zuschauer müssen sich sortieren. Ich laufe zu meinem zuständigen Zombieführerin, gelb. Sie zuckt und starrt uns an mit ihrer weißen Pupille. Ein bisschen aufgeregt bin ich schon. Wer weiß, wo die Tour hinführt.

 gelbe Karte

Die erste Station ist an einem Weg nahe des Juniparks. Wir nehmen auf einem Kinder-Verkehrsteppich Platz und Sarah, keine Untote, erzählt uns von ihrer Idee für die Brache: Sie möchte eine „Kita Z“ bauen, ein Ort, der Kinder schon im Kleinkindalter wettbewerbsfähig macht und sie fit für die Ansprüche der Gesellschaft machen: Statt Spielplatz gibt es eine Arena, statt Mittagsschlaf nur ein Power-Nap.

 Sarah

Nur mäßig überzeugend, denke ich. Sarah führt uns in das hohe Gras hinein und zeigt, wo sie die Arena bauen möchte. Zwischendurch: Schreie. Ein Zombie ist in Sichtweite. Wir laufen hintereinander durchs hohe Gras.

Mitten auf dem Weg treffen wir auf Janna. Die junge Frau erzählt uns, was sie an Berlin nicht mag: „Berlin ist innerlich zerrissen. So wie die East-Side-Galery. Einfach auseinander gerissen, um einen Turm mit Loft-Wohnungen zu bauen. Wolltet ihr das?“, fragt sie in die Runde. Alle schütteln den Kopf. Schuld daran soll ein Zombievirus sein. Sarahs Lösung: Mitten in Berlin die Schwäbische Alb aufbauen. Nur das könne die Berliner davor bewahren, mit dem Zombievirus infiziert zu werden.

Janna

Bei der Tour über kleine Trampelpfade träumt Janna von einer geschwungenen Hügellandschaft und Apfelbäumen zur Selbstversorgung. Auf einmal ist hinter uns ein Zombie. Janna ruft nur: „Rennt!“ und wir alle rennen ihr hinterher. Ich versuche sehr bedacht, nicht auf eine der vielen Nacktschnecken zu treten, denn ich wüsste nicht was das größere Übel wäre: Zombie oder auf einer zermatschten Nacktschnecke ausrutschen. Auf einer Lichtung angekommen zählt Janna durch: „Sind auch alle da? Wirklich?“ Niemand ist verloren gegangen, ein Glück.

Ein Stück weiter sitzt Tabea auf einem Baumstamm. Wir nehmen davor Platz. Das Klima in Berlin sei rauer geworden, sagt sie. Die Jeansjacke trägt sie lässig übers rote Kleid. Berlin sei wie ein Eisberg, man müsse zueinander finden. Deswegen möchte Tabea am Junipark ein Begegnungszentrum für Untote und Sterbliche bauen. Inklusion der „People of the living dead“ – das ist ihr Slogan.

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Während sie spricht sitzt ein Zombie im Baum neben uns. Tabea schlägt vor, die Begegnung zu üben. Eine Freiwillige meldet sich. Auf ein Kommando sollen sich die beiden begegnen und begrüßen. Doch es ist erfolglos, statt die Hand zu geben, spuckt sich das Zombiemädchen in die Hand. Begegnung gescheitert. Eine passende Werbung für Tabeas Begegnungszentrum.

Zuletzt treffen wir auf Martin: Ein Fernglas baumelt um seinen Hals, auf dem Kopf trägt er einen Stoffhut, Forscherklischee. Nein, verändern soll sich hier am Junipark nichts. Ganz im Gegenteil: Martin möchte ein Zombiereservat bauen. Er ist ein Zombiloge. Wir dürfen auf seinem Feldbett mitten Im Gras Platz nehmen. Leider stinkt es hier sehr, ich halte mir mein Tuch vor die Nase. Doch Martin spricht unbeirrt über einen Parasiten, der die Menschen zu Zombies macht. Immer wieder schaut er durch sein Fernglas.

 Martin

Dieser Parasit kann seinen Wirt manipulieren, erklärt Martin und gibt den befallenen Wesen die Gabe der Telepathie. Genau diese möchte Martin erforschen. „Wir machen jetzt Forschung“ ruft Martin und drückt uns Taschenlampe und seinen Forscherkoffer in die Hand. Gemeinsam stapfen wir wieder hintereinander durchs hohe Gras. „Ihr seht nicht aus wie ein Forscherteam, sondern wie eine Schulklasse“, ruft Martin. Recht hat er. Die Stimmung ist gut. Und dann stimmt Martin ein Lied an und wir singen mit: „Hey, was geht ab, wir forschen die ganze Nacht.“ Schon sind wir wieder am Junipark angekommen.

Wir versammeln uns auf der Tribüne, die anderen Gruppen sind schon da. Im zweiten Teil der Show stellen alle 14 ihre Ideen vor. Dabei treten sie in vier verschiedenen Kategorien gegeneinander. Das Klatschen des Publikums entscheidet, welcher Bauvorschlag auf der Brache umgesetzt werden soll. Im Poetry-Slam rappt Sarah über ihre Wettbewerbs-Kita, beim romantischen Gedicht ist Tabea dran, doch beide können nicht überzeugen und werden von den Zombies gebissen. In der nächsten Runde singt Janne ein Lied im schönsten Schwäbischen Dialekt über ihre Alb. Martin stellt mit einem Zombie den Weg eines Parasiten durch den Körper da dar.

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Es macht Spaß, dem Ganzen zuzusehen. Die anderen sechs Teilnehmer und ihre Ideen klingen spannend, teilweise überzeugender. So stimmt ein Mädchen gegen Zombiefizierung an, jemand fordert eine freie Beiß-Zone oder wirbt für ein Zombie-Aussteiger-Programm. Zuletzt hält ein Immobilienmakler eine Rede, in der er vorschlägt, das Tempelhofer Feld auszubuddeln, mit Wasser füllen und das Tempelhofer Meer daraus zu machen.

 Gemetzel

Die Zombies ächzen an den Seiten der Bühne und warten auf die, die das Publikum rauswählt. Dann stürzen sie sich auf die Verlierer rennen raus und es knallt. Nach kurzer Zeit kommen sie blutverschmiert wieder. Martin bleibt verschont und siegt, aus der Brache soll nun ein Zombiereservat. In seiner Siegesrede träumt er vom Weltfrieden und das Stück endet mit einem Lied in 14 Metern Höhe auf dem Junipark-Turm, dass Forscher Martin singt: „Aus diesem Gebiet wird ein Forscherreservat, damit wir lernen, wie sich ein Zombie paart.“

Katharina

Wohnwütig

Bild

Robert (25) tanzt in der Schlesischen27

Das Gerüst scheppert, als die Tanzgruppe der Schlesichen27 über die Metall-Platten rennt. Rechts, links, über dem Publikum, die Treppen hoch und runter, jeder Schritt ist zu hören. Der Junipark bietet den Künstlern viele Möglichkeiten, ihre Performance auf verschiedenen Ebenen darzustellen. Das wissen die Tänzer der „Wohnwut-Fragmente“ zu schätzen und lassen das Gerüst so scheppern, dass ich manchmal Mühe habe, ihre wütend klingenden Forderungen zu verstehen. Doch was die jungen Berliner da heraus schreien, das spricht nicht nur für sie, sondern für eine gesamte Generation:

„Wohnen ist ein Menschenrecht / Ich kann mir nicht leisten dort zu wohnen, wo ich zuhause bin / Wowereit hat ganz Berlin verkauft / Berlin ist nur reich an uns.“

Neben mir im Publikum sitzen viele junge Menschen in meinem Alter, mit einem Bier und einer Cola in der Hand. Jeder Satz könnte auch von einem von uns gesagt worden sein. Es scheint uns zu verbinden.

Schnelle und laute Szenen wechseln sich mit ruhigen Sequenzen ab, dabei performt jeder Tänzer individuell, sodass es viel zum Gucken gibt. Dann bilden die Tänzer ein Knäuel, ganz dicht stapeln sie sich auf dem Boden übereinander. Sie wollen jetzt eine Kartonstadt sein – die sei flexibel und lasse sich schnell wieder abbauen, sagt eine Tänzerin – vielleicht könnte man so Berlins Probleme um das Wohnungsangebot lösen. Und schon rennen wieder alle Tänzer durcheinander und verkündigen ihre Forderungen für ein besseres Berlin.

Robert ist einer von denen, der die Forderungen am lautesten herausschreit und damit manches Geschepper übertönt: „Wir wollen nicht, dass Berlin wie ein kleines New York oder Paris wird, kein Venedig nur für die Touristen“ – sein Lieblingssatz im Stücks. Dem 25-Jährigen gefällt es, dass die Performance viele Wahrheiten zeige, viele Facetten des jungen Wohnen in Berlin darstelle. Gleichzeitig hat Robert Angst, dass die Vielfalt der Menschen in Berlin immer mehr zerstört werden könnte: „Wenn immer mehr junge Menschen aus Berlin verdrängt werden, dann sind die Menschen, die das Flair der Stadt ausmachen, nicht mehr da.“ Für seine Wohnung im Simon-Dach-Kiez zahlt der Student nicht so viel, wie an anderen Orten im Zentrum. Doch das auch nur, weil Robert schon seit fast vier Jahren dort wohnt. Ein Glücksgriff „Wenn ich jetzt nach Wohnungen in der Lage suche, dann zahle ich im Vergleich einen Spottpreis. Für dieses Geld finde ich hier keine Wohnung mehr“ erzählt mir Robert. Ich nicke zustimmend, denn auch ich zahle für mein WG-Zimmer im Prenzlauer Berg zu viel, viel zu viel.

Die Texte und Forderungen der Performance „Wohnwut-Fragmente“ stammen zum größten Teil aus der Peer-to-Peer Umfrage der Wohnwut-Kampagne, die im vergangenen Jahr von Sommer bis Herbst in Berlin durchgeführt wurde. Die Tänzer der Performance befragten in der Zeit 350 junge Berliner zu ihrer Wohn- und Lebenssituation. Einige der Zitate hat nun die Tanzgruppe der Schlesichen27 für ihre Performance verwendet – aber auch eigene hinzugefügt.

Ich hätte mir gewünscht, dass die Tänzer die Texte nicht von Zetteln abgelesen hätten, denn die Forderungen sind lebendig, ich erkennen mich in ihnen wieder. Trotzdem war es spannend zu hören, wie verschieden und die Träume und Ängste der jungen Berliner sind und doch der Wunsch nach einem Platz in der Hauptstadt alle eint.

Katharina