Sozialromantik, ein Butterbrot oder das Gefühl X

 

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Ich nehme mir ein Butterbrot von einem Teller, der auf der Bar am Eingang im Junipark steht. Es kostet nichts. Ich gebe dafür eine kleine Spende und denke, das ist genau das Problem: in der „großen“ Welt geht es am Ende immer ums Geld. Wer wie viel hat, im Vergleich zu den Anderen. Die, die reich sind, tun alles, um immer noch mehr zu bekommen, auch weil sie Macht wollen. Und die, die arm sind, bleiben auf der Strecke. Und das sollen sie wohlmöglich auch. Koste es, was es wolle. Moral spielt keine Rolle. So sieht es aus. Sie und wir. Wobei die meisten von uns ja nach den gleichen Prinzipien handeln. Jeder ist sich selbst der Nächste und gleich nach dem wir nicht mehr mit dem Versorgen unserer Grundbedürfnisse beschäftigt sind, kaufen wir auch die schicken Tunschuhe, egal wer sie genäht hat und unter welchen Umständen. Und sammeln möglichst mehr Punkte an der Uni, als die anderen. Es lebe der Wettbewerb.

Ich beiße in mein Butterbrot und ja klar: reich gegen arm, dass ist viel zu polarisierend. Es gibt ja auch „gute“ Reiche, die sinnvolle Dinge mit ihrem Geld machen. Gut gegen böse, das ist auch eher Hollywood. Faul gegen fleißig? Oder, sozial gegen asozial? Dumm gegen schlau? Langweilig gegen kreativ? Das sind keine zulässigen Gegenüberstellungen. Und das polarisieren bringt sowieso keine Lösung.

Der JUNIPARK zeigt an den Nachbarschaftstagen ein anderes Prinzip: Geben und nehmen, teilen und tauschen. Bunt, kreativ, aktiv. Es wird gemeinsam gekocht, gehäkelt, gewerkelt, gebaut, geredet, gesponnen, gespielt, gesehen, sich gefreut. Ein buntes Potpourri von schönen, bereichernden Erfahrungen. Kaum Leistungsdruck. Ein bisschen Kultur. Nicht so sehr Politik. Ja. Das Brot vom Bio-Bäcker schmeckt köstlich. Also, wie kann man die Welt verändern? Ich, hier im JUNIPARK, mit einer Stulle in der Hand, an der Bar, wünsche mir eine Antwort auf diese Frage. Eine Lösung für dieses große gesamtgesellschaftliche Problem. Auf das es gerechter auf Erden zugehen soll. Auf das sich etwas ändert…

Die Butter auf meinem Brot schmeckt leicht salzig. Das gefällt mir. Und ich überlege: Hätte ich die Möglichkeit unsere unvollkommene Welt zu verbessern, was würde ich ändern? Was soll so bleiben wie es ist? Und ich? Wie bin ich? Gedankenspiele. Fehlt denen mit dem vielen Geld nicht auch irgend etwas, das es aber nicht zu kaufen gibt? Gibt es auch für sie einen Mangel, den sie fühlen, mit dem wir sie einbinden könnten? Um so einen Weg zueinander zu finden und eine Lösung? Oder geht es gar nicht um die, die zu viel haben, sondern um die, die zu wenig haben? Auf das deren Lebensgeister geweckt werden und sie lernen sich selber an den Haaren aus dem Sumpf zu ziehen? Weil sie erkennen, dass sie schon etwas besitzen, das es gar nicht zu kaufen gibt. Über das eigentlich alle Menschen verfügen.

Wie schön wäre es, in der Gruppe mit anderen zu agieren. Mit der Familie, Freunden. Kindern, Erwachsenen, Alten. Erfolgreich Beziehungen zu knüpfen. Sie aufrecht erhalten zu können. Genug zu essen haben. Eine hübsche Wohnung. Friedlich leben. Es selber sein. Aktiv teilhaben können und kreativ wirken. Mit dem Gefühl X.

Denn, dann wüsste ich vielleicht, wie es gehen könnte. Also, wie „die“ – wir alle und ich – die Welt zum Freudigeren hin verändern könnten? Trotz all der unterschiedlichen Prägungen, die wir in unseren Familien erfahren haben. Den Bedürfnissen. Gesellschaftlichen Zwängen… So, dass soziales anstelle von asozialem Verhalten plötzlich im Vordergrund stünde. Moralische Kategorien als Leitfaden für ein glückliches Leben… Ein naives Wünschen. Kitschig. Ich weiß. Trotzdem.

Ich wische mir einen Brotkrümel von meinem Mund weg. Wäre das eine Möglichkeit: durch positive Erfahrungen, die einem vorgelebt werden, die man bemerkt und selber durchlebt, die eigenen Ansichten zu ändern? Irgendwann die persönliche Haltung. Und später auch alltägliche Handlungen? kreativ spielerisch, frei von Zwang. Weil das Gefühl X so weit reichend wirkt. Oder bleibt die Angst immer zu groß? Es könnte unser soziales Gefüge völlig verändern. Alles wird gut. In ganz kleinen Schritten. Weil jeder dieses Gefühl X auch unbedingt haben wollte. Gar nicht genug davon bekäme. Im Leben. Mit all den Anderen. Das würde wirken auf uns. Und unsere Beziehung zu Y. Dem Ort, in der Stadt. So, wie wir wohnen würden in der Welt… Zusammenleben. Frei sein. Sich nicht die Butter vom Brot nehmen lassen, aber wenn es nötig ist, den anderen auch eins schmieren. Damit es uns allen gut geht.

Ich fantasiere: Kämen doch alle mal im JUNIPARK an einem Nachbarschaftstag vorbei und sähen, was hier geschieht… Hier könnten sie positive Erfahrungen sammeln. Das könnte vielleicht etwas ändern. Herr und Frau Skrupellos würden ihren Mangel begreifen und die Immobilienhaie, gnadenlosen Geschäftsleute. Die passiv Vor-sich-hindümpelnden, die mit der Lass-mich-bloß-in-Ruhe-Haltung, die scheinbar Hoffnungslosen. Sie alle spürten nämlich das Gefühl X.

Sie würden im JUNIPARK an der Bar stehen, mit einem Butterbrot in der Hand und einer Limonade oder einem Glas Wein und in diesem Moment bei sich selbst ein Fehlen ausmachen. Von etwas. Dem Gefühl X. Das hinter und unter den dicken Schichten der Jeder-gegen-jeden-Glaubenssätze und unseren Sicherheitskorsetts verborgen ist. Auch sie würden es zaghaft spüren. Erst ganz sachte, dann immer intensiver. Und ihr Sehnen danach würde allmählich so stark werden, sich so sehr in ihnen breit machen, dass sie anfangen würden danach zu suchen. Endlich. Gierig. Nach diesem Gefühl X.

Antonia

PS: Freitag 27.06. und Sonntag 29.6.2014 sind noch mal zwei Nachbarschaftstage im JUNIPARK

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dem Junipark zuhören

obwohl die Jahreszeit Sommer heißt, regnet es oft

das Wetter kommt in den JUNIPARK wie durch ein Fenster herein

 

wie wichtig das er verstanden wird

allerdings sind die Anderen auf den Straßen Berlins meistens unter Stress

mit den Gedanken woanders

überhaupt ist es heute nicht mehr so leicht zuzuhören

alle sind mit sich selbst beschäftigt

und noch die Missverständnisse

 

ich versuche es

schließe die Augen

er erzählt

 

es gibt unterschiedlichste Stühle, Hocker, Bänke und die Tribüne

auch die Bühne ist sowohl an den Seiten

dann hinten und vorne

ganz oben und auch unten

drunter

 

Da.

der JUNIPARK ist wie ein Körper mit Bauch, Hals, Mund, Händen und Rücken

je tiefer ich in ihn hinein hoffe, desto stärker kommt er an mich heran

 

ich bemerke die Pausen

empfinde die Atmosphäre

der Rhythmus des JUNIPARKS
seine Melodie, dicht

die Töne sind bunt

gesprächspartner überall und 1000 Dinge drum herum

die Sprachen vielstimmig

ich höre nicht nur die Gegenwart, auch die Vergangenheit und

eine Zukunft

 

antonia

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Flieg Junipark, flieg

Mit der Heißklebepistole zieht Luke geduldig einen Kreis auf dem orangefarbenen Plastik. Dann drückt der 14-Jährige eine durchsichtige Plastikhalbkugel auf den Kleber, das sieht aus wie eine kleine, gläserne Kuppel. Zufrieden blickt der Teenager sein Werk an: Die Uhr auf dem Cockpit nimmt Formen an. „Mein Vater und ich kamen auf die Idee, für den Turm ein Cockpit zu bauen“, sagt Luke. Mit seinem jüngeren Bruder bastelte er schon einen Radar, verschiedene Knöpfe und einen beweglichen Joystick auf  Plastiktabletts. Nun ist der Feinschliff dran und Luke baut konzentriert die letzten Teile an.

Beim Bauworkshop „Baulücken aufspüren und professionell nutzen“ am Nachbarschaftstag kann sich jeder kostenlos beteiligen. Luke kam, weil sein Bruder bei einer der Präsentationen mitgewirkt hatte. Am Gerüst stapeln sich Planen, Teppiche, Kunsstoffe und Styropor. Mitgebracht hat all dies Anja Scheffer. Als Regisseurin betreute sie die Präsentation „Weltweit…unterwegs“ von der Nürtigen-Grundschule in Kreuzberg. In der Erabeitung des Stücks arbeiteten Anja Scheffer und ihre Kollegen Daria Kornysheva und DJ B.Side mit vielen Materialien, die die Schüler verarbeiteten. Doch Einiges blieb übrig und das brachten die Künstler zum Bauworkshop mit in den Junipark. „Mit unseren Resten bauen wir uns heute in das Gerüst ein“; sagt Anja Scheffer. Jeder darf das bauen, was er möchte. So entstehen Lampen und kleine, individuelle Kunstwerke.

An der Rückseite der Bühne haben drei Jungs eine Baulücke aufgespürt und sich Kaninchendraht und einen Plane genommen. „Wir bauen hier ein Haus“, sagt Moritz und erklärt mir genau, was er vorhat: „Den Kaninchendraht bauen wir in zwei Schichten übereinander und dann spannen wir als Dach eine Plane drüber. Dann kommen Stühle und Kissen in das Haus.“ Noch ist nur der Rohbau zu sehen, aber der 12-Jährige möchte mindestens noch zwei Stunden weiterbauen.

Um die Ecke ist Luke mit dem Cockpit fertig geworden. Mit seinem Bruder möchte er es jetzt oben am Turm anbauen. „Der Ausblick da oben ist toll“; sagt Luke. Damit er diese Meinung teilen kann, baut der Jugendliche ein Walkie-Talkie an das Cockpit, das Gegenstück wird unten am Gerüst seinen Platz finden. So können die Gäste ab jetzt nach oben zum Turm funken, ach nein, zum Cockpit. Also: Zehn, neun, acht, sieben, sechs, fünf, vier, drei, zwei, eins…flieg Junipark, flieg.

Katharina

Kein Interesse.

Was macht man mit einem politischen Talk, wenn eine Seite der Interessenvertreter fern bleibt? Wie reagiert man, wenn Bedingungen für die Teilnahme gestellt werden? Wenn man Vorwürfe hört und Zweifel? Die Aktionsgruppe Reederei wollte einen Talk zur Stadtpolitischen Entwicklung von Berlin organisieren, in dem Gentrifizierungsgegner und Vertreter der Investoren- und Immobilienbranche und der Stadtentwicklung aufeinander treffen. Eine Diskussion, die Verdrängung thematisiert und Konsequenzen für Berlin aufzeigt und vieleicht auch Möglichkeiten, dagegen vorzugehen. Doch Interesse am öffentlichen Dialog hatte nur eine Seite: Die Getrifizierungsgegner. Was macht man in solch einer Situation?

Die Aktionsgruppe Reederei zeigte sich buchstäblich offen und las ihren Emailverkehr vor, in dem es eine Absage nach der anderen gehagelt hatte. „Nur wenn ich den Moderator vorher kennen lernen darf / Wer legt denn fest, ob das machbar ist? / Sich an einen Tisch zu setzen bringt nichts.“ So lasen sich einige der Absagen. Und die Aktionsgruppe Reederei fragte sich, ob sie zu naiv gewesen seien, ob sie der beinahe schon frechen Bedingungen der Gegenseite hätten gerecht werden müssen? Nein, mussten sie nicht.
Heraus kam ein Talk aus der Mieterperspektive; eine kleine intime Runde, in der manch ein Vertreter der Investoren Raum seine für Argumente gehabt hätte, in der die Ferngebliebenen interessierte Bürger ganz nah hätten erreichen können. Hätten.

So sprach und diskutierte nur eine Seite: Für den Stadtteil- und Infoladen Lunte aus Neukölln ist Christian in den Junipark gekommen. Die Lunte ist ein Zusammenschluss von Menschen, die gegen staatliche Einflussnahme sind und in der Stadtteiarbeit Selbstorganisation und Konsensentscheidungen befürworten.
Christians Schirmmütze sitzt tief im Gesicht. Die Bauchtasche hält er fest umklammert und wirkt fast etwas nervös. Doch das, was er erzählt, bewegt ihn und sprudelt nur so aus ihm heraus. Früher, sagt Christian, sei der Schillerkiez ein Dreckskiez gewesen, ein Kriminalitätsscherpunkt in Neukölln. Doch vor über sechs Jahren hätte der Wandel begonnen: Viele Häusen wären aufgekauft worden, die Mieten explodiert und Geringverdiener hätten sich eine Wohnung in ihrem Zuhause, dem Schillerkiez, nicht mehr leisten können. Ein Lehrstück der Gentrifizierung – so nennt Christian den Schillerkiez heute. „Uns hat die Heftigkeit und Geschwindigkeit des Prozesses erschreckt“ – sagt Christian. Es erschreckt ihn noch heute, wie schnell sich so ein Kiez verändern kann. Sie hätten vieles probiert, um gegen die Verdrängung gegen zu halten. Doch meist sei es sehr schwierig.

Neben Chrisitan sitzt Marlene. Eine junge Frau aus Kreuzberg, die sich seit anderthalb Jahren für die Initiative Kotti & Co, eine Mietergemeinschaft am Kottbusser Tor, engagiert. Marlene ist mit Leidenschaft dabei und sieht aus wie jemand, der Kreuzberg nicht nur als Heimat, sondern auch als Lebensgefühl bezeichnet. Warum sich sie für Kotti & Co engagiere? „Weil ich meinen Kiez sehr mag und dort bleiben möchte“, sagt Marlene. Und weil sie damit nicht alleine steht, organisiert sie in den Sozialbauten am Kottbusser Tor Hausversammlungen. Dabei treffen sich die Mieter eines Hausaufganges an den Briefkästen und sammeln mit einem Anwalt Mängel, welche es im Haus und in den Wohnungen gibt. Mit einer Mängelliste könnten die Anwohner die Miete um bis zu 20 Prozent mindern. „Trotz Sozialbauten steigen die Mieten durch Instandsetzungspauschalen“, sagt Marlene und ergänzt: „Aber da wird fast nichts gemacht! Das Verhältnis zwischen Miete und Qualität der Wohnungen ist katastrophal.“ Marlene ist nicht nur wütend, sie ist auch etwas enttäuscht. Viele Mieter wären zwar von der Initiative begeistert, aber wenn es drauf ankommen würde und es eine Demo gäbe, ja dann kämen nur 10 Mieter vorbei. „Viele haben schon den Mut und die Energie verloren, sich zu wehren. Wir sind ein Motor“, fasst Marlene zusammen.

Während Marlene erzählt, sitzt Hermann von der Berliner MieterGemeinschaft e.V mit verschränkten Armen da und hört konzentriert zu. Manchmal nickt er zustimmend. Hermann ist vielleicht einer derjenigen, vor denen sich die Vertreter der Investoren- und Immoblienbranche fürchten. Einer der klar kritisiert und Sätze wie „In Berlin gibt es schon lange keine ernsthafte Wohnungspolitik mehr“ in den Mund nimmt. Die Berliner MieterGemeinschaft e.V. hat vor zwei Jahren eine Berautungsstelle in Neukölln eröffnet, an der Sonnenallee, weil der Bedarf im Kiez immer mehr gestiegen sei. Dann gibt Hermann einen Abriss über die Stadtentwicklung von der Industrialisierung bis heute, und spricht davon, wie Städte wachsen und Wohnungsnotstände entstehen, wenn die Politik nicht genug tut. Doch auch Hermann hat wie Marlene Erfahrungen damit gemacht, dass sich Mieterproteste nur schwer organisieren lassen. Und so setzen er und seine Mitstreiter an anderen Baustellen an, beraten zum Mitrecht, sprechen über Betriebskostenabrechungen und Maßnahmen gegen Modernisierungen.

Hermann, Christian und Marlene beim dritten Junipark-Talk

Hermann (l.) , Christian und Marlene beim dritten Junipark-Talk die Stadtentwicklung in Neukölln und Kreuzberg

Dann schalten sich die Zuhörer ein, stellen Fragen zu Mileauschutzverordnungen und Lehrstandsspekulationen. Mietrechtliche Fragen werden von einer Expertin beantwortet. Eine Diskussion entsteht und funktioniert, auch wenn nur die eine Seite der Debatte antworten kann. Dass die Gegenseite zu der Thematik lieber schweigt, fällt nicht mehr auf. Das Desinteresse an einem lockeren Bürgertalk ist vielleicht schon Antwort genug.

Katharina

wandelbar

Jeder Spaziergang durch den Junipark ist ein anderer. Wie ein Chamäleon wandelt sich die Gerüststadt von Tag zu Tag. Immer mehr Spuren von Künstlern, Gästen und Werkstätten finde ich auf meiner Tour durch die Konstruktion. Nicht nur die Hangematten wechseln häufig den Ort. Auch die Stufen der Tribüne tragen einen Schriftzug der Jungen Pächter, bunte Wimpel und Schilder hängen im Gerüst. Darauf stehen Wünsche und Forderungen zum jungen Wohnen in Berlin. Am Gerüst hängen Fragezeichen, Zahlen, bunte Statements – der Junipark schreit seine Ideen nur so heraus.

Hinter der Bühne blüht und grünt es mit jedem Festival-Tag mehr. Der kleine Garten in den Holzkisten wird größer.

Kleiner Garten

Viele Gesichter, die mir begegenen, kommen mir bekannt vor. Die junge Studentin aus der Nachbarschaft, die ich in den ersten Tagen des Juniparks getroffen habe, ist wieder da und hat ein paar Freunde mitgebracht. Wir lächeln uns an. Doch dann sind da auch die Joggerinnen, die zufällig vorbei kommen und fasziniert stehen bleiben. Oder ein Mann mit Radsport-Sachen, der das Gerüst vom Tempelhofer Feld aus gesehen hat und zum Junipark gefahren ist. So mischen sich hier die verschiedensten Menschen und treffen aufeinander. Auf der Theke der Bar stehen Stullen, belegte Brote. Jeder darf sich kostenlos bedienen. Der Radfahrer nimmt sich eine und setzt sich auf die Tribühne. Schön.

Katharina

Auf 14 Metern

Viele junge Menschen besuchen den Junipark. Viele von ihnen haben eine ganz eigene Meinung zur Wohnsituation in Berlin. Oben auf dem Turm des Juniparks, auf 14 Meter Höhe, habe ich mich mit jungen Menschen unterhalten und gefragt, wie sie zur Wohnsituation in Berlin stehen. Katharina

 

Ich zahle für mein WG-Zimmer 420 Euro. Als ich nach Deutschland kam, wusste ich nicht, wie viel man für ein Zimmer zahlen muss. Also habe ich das Zimmer genommen, weil niemand mir gesagt hat, was hier teuer bedeutet. Das ist unfähr. Es müsste eine Instanz geben, die uns davor schützt, von Vermietern ausgebeutet zu werden.

Chloe, 21, Austauschstudentin aus Kalifornien, wohnt seit 10 Monaten in der Hermannstraße

 

Viele meiner Freunde, die nach Berlin gezogen sind, brauchten eine lange Eingewöhnungszeit. Weil die Stadt so anonym ist, ist es nicht einfach, sich hier als Zugezogener zurecht zu finden. Außerdem denke ich, dass das Liebenswerte an Berlin nicht die touristischen Attraktionen, sondern die netten Hinterhöfe und die Gemeinschaften sind. Doch wenn die immer mehr durch teure Mieten verschwinden, verschwindet auch das, was Berlin eigentlich ausmacht.

Joachim, 23, Student aus Tübingen, mehrmals im Jahr zu Besuch in Berlin

 

Mit meiner kleinen Tochter und meinem Vater wohne ich in einer Drei-Zimmer-Wohnung in Lichtenberg. Das kann manchmal ganz schön eng werden. Ich würde gern mit meinem Kind umziehen und selbstständig werden, aber das ist schwer, weil die Mieten so hoch sind.

Katherina, 23, wohnt in Lichtenberg

 

Nina

Natürlich ist es gut, wenn baufällige Wohnhäuser in Berlin saniert werden. Aber ich finde es sehr schade, wenn dadurch Häuser ihren Charme verlieren. Die alte Holztreppe im Treppenhaus ist vielleicht etwas abgetreten, aber sie wird einfach abgerissen und eine neue Treppe wird eingebaut, statt das Besondere zu restaurieren und zu erhalten. Das hebt die Mieten und ein Stadtteil nach dem anderen verändert sich.

Nina, 23, Studentin aus Neukölln

 

Der Beat geht noch

Das beste an den Nachbarschaftstagen im Junipark ist der Geruch vom Kochtstand. Kaum habe ich das Festival-Gelände betreten, riecht es nach gerösteten Kürbiskernen. Ganz eifrig bereiten Veronica und Nadja die Zutaten für das Nachbarschaftsessen am Abend vor. „Wir kochen heute interkulturell mit deutscher Küche und Gerichten vom Mittelmeer“, erzählt Veronika, während die junge Frau die gerösteten Kürbiskerne in der Pfanne umrührt. Panzanella soll es geben – ein Brotsalat mit Tomaten, Zwiebeln, Essig. Das Rezept stammt aus der Toskana. Das Brot liegt schon bereit, auch die Tomaten sind schon eingelegt. All das muss jetzt eine halbe Stunde ziehen, damit es den richtigen Geschmack annimmt. „Das Brot ist eigentlich schon älter, aber perfekt, um es für dieses Gericht zu verwenden. So nutzen wir etwas, was andere Leute schon entsorgt hätten“, sagt Veronica.

Nachhaltigkeit ist Veronica und Nadja wichtig. Beide engagieren sich in NGOs, die sich für nachhaltige Landwirtschaft einsetzen und kochen öfter in einem größeren Rahmen mit nachhaltigen Zutaten. Fast alle Kräuter und Gemüsezutaten stammen aus dem gemeinsamen Garten der beiden. Eine Stunde nördlich von Berlin bauen die beiden Frauen Zwiebeln, Möhren, Kräuter und Brennesseln an. Gestern fuhr Nadja zum Ernten dorthin und brachte drei Kisten frisch Geerntetes und Gepflücktes mit in den Junipark.

Brennesseln aus dem Garten

Mit den Brennesseln möchte Veronika Omelette verfeinern. Viele der Gerichte heute haben eine italienische Note. Veronica stammt aus Italien und hat viele Ideen davon mitgebracht. „In Sizilien treffen drei Kulturen aufeinander, die italinische, die mittelöstliche und die afrikanische. Dieser Mix spiegelt sich auch in der Gastronomie wieder.“ Nadja hat sich dagegen für einen Kräuterquark entschieden. Schade, dass bisher so wenig Helfer da sind. Momentan hilft nur eine junge Frau aus der Nachbarschaft mit.

2014-06-20 15.59.42

Ein paar Meter weiter, hinter der Gerüstkonstruktion, hat die Aktionsgruppe Reederei schon Tische und Stühle für den zweiten politischen Talk aufgestellt. Stadtutopien sind heute das Thema der Gesprächsrunde. Mit den Workshop-teilnehmern möchte Moderatorin Anna Maier am Ende einen Forderungskatalog ausarbeiten. Darum liegen auf jedem der fünf Tische  auch große weiße Blätter und bunte Filzstifte bereit.
Anna Mayer gibt ein Signal: Los geht’s und jeder Teilnehmer kann sich an einem Tisch einfinden. Ich setze mich zu zwei Jungs mit Migrationshintegrund an einen der Tische. Ich habe die beiden schon mal gesehen. Zu Beginn des Juniparks kamen sie bei Präsentationen oft dazu und haben gestört. Beide wohnen in der Boddinstraße, also in direkter Nachbarschaft zum Junipark. Heute hören sie den Initiatoren zu einem Projekt an der Sonnenallee konzentriert zu. Ich bin überrascht. Was würden die beiden Teenager gern an ihrer Nachbarschaft ändern? „Ein Kickerurnier“ ist die erste Antwort. Nein, ein Tischtennistunier. Also mehr Sportangebote. „Alles ist immer nur für Kinder. Für Jugendliche gibt es nichts“, sagt der Jüngere der beiden. Die beiden Initatorinnen des Projekts schreiben alles fleißig auf das weiße Blatt Papier. Dann wollen die Jungs selber ihre Wünsche aufschreiben. T-I-S-C-H-T-E-N-I-S-S – Sie korrigieren sich gegenseitig und malen aus dem zweiten „s“ kurzerhand einen Smiley. „Jeder lebt hier für sich allein. Hier ist keine Gemeinsschaft“ sagt der Ältere.  Auch das wird schnell notiert. Ich freue mich, dass die beiden das Angebot annehmen und mitmachen.

Nach 10 Minuten müssen wir Workshop-Teilnehmer den Tisch wechseln. Ich setze mich zu Jan am Tisch gegenüber. Jan wohnt in einem alten Futter-Silo mit einer Grundflche von 4,2 Quadratmetern. Das Silo ist sechs Meter hoch und Jan hat sich dort drin drei Etagen eingerichtet: Unten einen Keller mit Wassertanks und Heitung, dadrüber eine Wohnebene und ganz oben einen Bereich zum Schlafen. Alles ist rund und weil der Platz für eine Leiter in den Schlafbereich nicht gereicht hat, klettert er an der Innenwand wie an einer Kletterwand nach oben. Ich bin fasziniert. „Wie viel Platz braucht man zum Wohnen?“, fragt Jan. „Und was braucht man überhaupt auf wenig Raum? Worauf kann man verzichten?“ Eine Frage, die mich ins Grübeln bringt. In meinem 20 Quadratmeter WG-Zimmer bin ich stolz auf den Platz und die Freiheit, die mir diese Art zu wohnen bietet. Doch Jan hat überzeugende Argumente bereit. „Ich dachte, ich brauche selber ein Haus. Dieses kann ich überall hin mitnehmen.“ Mobilität, das eigene private Umfeld, das man nach jedem Umzug sich wieder neu aufbauen muss, einfach mitnehmen können. Weg von Mietabhängigkeiten und Hauskrediten. Eine junge Frau neben mir kann sich solches Wohnen gut vorstellen: „Ich würde das gern ausprobieren, aber dann als Wohngemeinschaft.“ Jan nickt. So eine Idee hätte auch schon gehabt. „Eine ganze Stadt aus ehemaligen Futtersilos wäre mein Traum.“ Die zehn Minuten sind um, doch ich bleibe noch sitzen und höre weiter zu.

Zuletzt sitze ich am Tisch einer Initiative, die eine alte Feuerwache in Lichtenberg kaufen wollen. Die Anwohner dort möchten ein Nachbarschaftshaus einrichten mit einer Kindertagesstätte und einem Kiezcafé. Dazu soll es Räume für verschiedene Angebote von Vereinen geben. Das hört sich alles spannend an und klingt nach einer guten Idee. Doch der Weg dahin, dieses Grundstück überhaupt kaufen zu können, ist sehr beschwerlich. Und so lausche ich einer detaillierten Diskussion darüber zu, wie Grundstücke in Berlin vergeben werden, die der Stadt Berlin gar nicht gehören und wie viel Geld dazu gehört. Schade, denke ich. Viele Gute Ideen haben es in dieser Stadt so schwer.

In der Pause tanzen vier Jungs Breakdance auf der Bühne. Ich setze mich erst etwas lustlos auf die Ränge. Doch die Teenager tanzen so eindrucksvoll, dass ich schnell mitklatsche. Der Jüngste sieht aus als wäre er erst 11 Jahre alt. Sie springen auf den Händen, drehen sich und springen Saltos. Nach dem Ende des Liedes ruft das Publikum nach einer Zugabe, die die Jungs auch nach kurzer Pause geben. Doch mitten im Lied fällt die Anlage aus. Die Zuschauer klatschen weiter, sogar mehrstimmig. Ein Zuschauer in der ersten Reihe ruft: „Hey, der Beat geht noch!“ und die Zugabe geht weiter. Toller Moment.

Katharina