Letzter Tag

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Gleich einer mathematischen Formel oder einem Slogan kleben inzwischen neonpinkfarbene Buchstaben am Sockel einer der mittleren Tribünensitze im JUNIPARK: „Ideen + kein Platz – Pächter = Rettung eilt – Pächter – Danke von uns“

Bretter auf denen die Mitmachaktionen für den Nachbarschaftstag in bunten Farben gepinselt sind, lehnen an der Soundanlage. Gegenüber der Bühne, im oberen Gerüst, sind die Ergebnisse der zahlreichen Workshops zu sehen: Musterhäuser, Höhlen, abstrakte Territorienkunstwerke. Noch. Morgen werden sie abgebaut. Dann ist der JUNIPARK zu Ende.

Ich gehe noch einmal in den Seitentrakt zur Rederei und den Ort, unter der Tribüne des JUNIPARKS. Ich sehe mich um, während ich auf den Holzplanken stehe, die immer noch als Stege in den Bauch des JUNIPARKS fungieren. Über mir laufen die Leute auf dem Stahlgerüst im ersten Stock entlang. Ich kann ihre Sohlen von hier unten sehen und mit den Ohren vernehme ich jeden ihrer Schritte. An diesem trockenen Nachmittag, ein Nachbarschaftstag, an denen der JUNIPARK eine kleine Antwort lebt, wie sich nahe und ferne Nachbarn begegnen können, gibt es viele Besucher, die auf den unterschiedlichen Ebenen des Gerüstes herum laufen. Vor mir sehe ich immer noch an den improvisierten Wänden, der kleinen eingebauten Nischen, zwei Plakate hängen. Darauf steht: Wie stellst Du dir Nachbarschaft vor? Was wünschst Du dir? Im Vergleich zum letzten Mal sieht das Areal hier unten schon sehr nach Aufbruch aus. Das Hinweisschild: Handyaufladestation“ gibt es aber noch. Als ich es das erste mal sah, dachte ich, das ist ein Witz. Aber nein, sie meinten es ernst. Man konnte hier tatsächlich sein Handy aufladen. Eine Studenteninitiative hatte einen einwöchigen Workshop organisiert. Die Idee mit den Handys war dann ein Ergebnis. Dabei ging es zunächst um das Suchen von Gemeinschaftsorten in der Stadt, die analysiert wurden. Einer der Orte war ein Waschsalon im Rollberg Viertel. Um diesen Ort in den JUNIPARK zu übersetzten, kam man auf die Idee mit den Handys. Handys können an einer Station im Junipark aufgeladen werden und nebenbei kann man sich mit den anderen Wartenden unterhalten. Locker, unverbindlich, so wie in dem Waschsalon im Rollberg Viertel, auch.

Der JUNIPARK war ein Experimentierfeld in dieser Stadt und warf in unterschiedlichen Formationen Fragen auf, zum Thema: wohnen. Was kann man tun, dass auch junge Menschen in dieser Stadt leben können, zu bezahlbaren Mieten?

Oder: wie viel Gemeinschaft lässt Individualität zu?

Oder: welche Kompromisse kann man schließen?

Oder: auch nicht?

Oder: was würde passieren, wenn alle Jugendlichen aus Berlin verschwinden? 

Kein Mensch ist eine Insel und so wenig ist es auch der JUNIPARK und auch nicht Berlin (glücklicherweise nicht mehr). Das, das Gerüst nur einen Monat hier stehen würde, war klar. Das, dass Projekt nur so lange dauern würde, auch. Der JUNIPARK ist eines von vielen Projekten, die es in Berlin gibt. Berlin ist eine Projekte-Stadt. Sie wachsen wie Pilze aus dem Boden und dann verschwinden sie wieder. Als wäre nichts passiert? Wird die Brache wieder das sein, was sie vor dem JUNIPARK einmal war? Oder wird sie anders sein?

Das Gelände des JUNIPARKS muss wieder so aussehen, wie es zuvor war. Die Blumen, die mit Kindern und Jugendlichen gepflanzt worden sind, müssen alle wieder weg. Auch die? Ja! Das Projekt war temporär angelegt. Aber selbst die? Wieso die Pflanzen alle wieder aus der Erde reißen? Sie sind mit Kindern und Jugendlichen hier ausgesät worden und gewachsen. Der JUNIPARK steht auf einer Brache. Wen werden sie stören? Wieso können nicht neben den Pflanzen, den Brennnesseln, Gräsern, den Unkrauten, die hier schon waren und wachsen, auch die Neuen leben?

Tja.

An diesem letzten Tag gibt es Leute, die schauen nur mal so vorbei. Andere bleiben, steigen auf den Turm, viele treffen sich, trinken etwas, freuen sich auf das Essen, das gekocht wird. Weitere sitzen auf der Tribüne, schauen sich das Theater an. Es wird gespielt, gesungen. Die nächsten helfen, den Salat zu waschen. Einige passen auf, dass sich niemand verletzt, diverse singen. Mehrere tanzen, wenige rollen über den Tanzboden, viele plaudern von neuen Projekten, oder sehen zu, wie jene was machen, malen, rappen, moderieren. Ein paar sind schon mit wegräumen beschäftigt. Besucher packen sich die Pflanzen, die jetzt aus dem JUNIPARK-Garten entfernt werden, ein. Nehmen sie mit nach Hause. „Wir geben ihnen auf unserem Balkon Asyl und werden sie hegen und pflegen, in Gedenken an den JUNIPARK “ sprechen sie ihren Dank für die Geschenkten aus.

An was werden sich die Mitwirkenden des JUNIPARKS, die Veranstalter, die Organisatoren, an was die älteren Nachbarn und Nachbarinnen, die Kinder, die hier in der Nähe leben, die Jugendlichen, die Hundespaziergänger, die Verantwortlichen, die Geldgeber, die Theaterbesucher, die Jogger, die Spaziergänger, die Turm-Ausichts-Genießer, die Schülerinnen und Schüler, die an Workshops teilgenommen haben, die Studenten, die mit diskutiert, gebaut, gearbeitet haben, die Theatermacher, die zufälligen Besucher, die Überredeten, die Freunde, Köche, Praktikanten, Praktikantinnen, Schnippelwerkstattteilnehmer, der Wachschutz, die kleinen Helfer und die großen, an was werden sie sich erinnern?

Im Gedächtnis bleiben werden wahrscheinlich die vielen kleinen Geschicht(ch)en, die sie im JUNIPARK erlebt haben.

Sie müssen erzählt werden, dann…

Antonia

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