Ein letzter Blick

2014-06-04 20.05.44

Was schön mit dir, Junipark.

Katharina

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Letzter Tag

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Gleich einer mathematischen Formel oder einem Slogan kleben inzwischen neonpinkfarbene Buchstaben am Sockel einer der mittleren Tribünensitze im JUNIPARK: „Ideen + kein Platz – Pächter = Rettung eilt – Pächter – Danke von uns“

Bretter auf denen die Mitmachaktionen für den Nachbarschaftstag in bunten Farben gepinselt sind, lehnen an der Soundanlage. Gegenüber der Bühne, im oberen Gerüst, sind die Ergebnisse der zahlreichen Workshops zu sehen: Musterhäuser, Höhlen, abstrakte Territorienkunstwerke. Noch. Morgen werden sie abgebaut. Dann ist der JUNIPARK zu Ende.

Ich gehe noch einmal in den Seitentrakt zur Rederei und den Ort, unter der Tribüne des JUNIPARKS. Ich sehe mich um, während ich auf den Holzplanken stehe, die immer noch als Stege in den Bauch des JUNIPARKS fungieren. Über mir laufen die Leute auf dem Stahlgerüst im ersten Stock entlang. Ich kann ihre Sohlen von hier unten sehen und mit den Ohren vernehme ich jeden ihrer Schritte. An diesem trockenen Nachmittag, ein Nachbarschaftstag, an denen der JUNIPARK eine kleine Antwort lebt, wie sich nahe und ferne Nachbarn begegnen können, gibt es viele Besucher, die auf den unterschiedlichen Ebenen des Gerüstes herum laufen. Vor mir sehe ich immer noch an den improvisierten Wänden, der kleinen eingebauten Nischen, zwei Plakate hängen. Darauf steht: Wie stellst Du dir Nachbarschaft vor? Was wünschst Du dir? Im Vergleich zum letzten Mal sieht das Areal hier unten schon sehr nach Aufbruch aus. Das Hinweisschild: Handyaufladestation“ gibt es aber noch. Als ich es das erste mal sah, dachte ich, das ist ein Witz. Aber nein, sie meinten es ernst. Man konnte hier tatsächlich sein Handy aufladen. Eine Studenteninitiative hatte einen einwöchigen Workshop organisiert. Die Idee mit den Handys war dann ein Ergebnis. Dabei ging es zunächst um das Suchen von Gemeinschaftsorten in der Stadt, die analysiert wurden. Einer der Orte war ein Waschsalon im Rollberg Viertel. Um diesen Ort in den JUNIPARK zu übersetzten, kam man auf die Idee mit den Handys. Handys können an einer Station im Junipark aufgeladen werden und nebenbei kann man sich mit den anderen Wartenden unterhalten. Locker, unverbindlich, so wie in dem Waschsalon im Rollberg Viertel, auch.

Der JUNIPARK war ein Experimentierfeld in dieser Stadt und warf in unterschiedlichen Formationen Fragen auf, zum Thema: wohnen. Was kann man tun, dass auch junge Menschen in dieser Stadt leben können, zu bezahlbaren Mieten?

Oder: wie viel Gemeinschaft lässt Individualität zu?

Oder: welche Kompromisse kann man schließen?

Oder: auch nicht?

Oder: was würde passieren, wenn alle Jugendlichen aus Berlin verschwinden? 

Kein Mensch ist eine Insel und so wenig ist es auch der JUNIPARK und auch nicht Berlin (glücklicherweise nicht mehr). Das, das Gerüst nur einen Monat hier stehen würde, war klar. Das, dass Projekt nur so lange dauern würde, auch. Der JUNIPARK ist eines von vielen Projekten, die es in Berlin gibt. Berlin ist eine Projekte-Stadt. Sie wachsen wie Pilze aus dem Boden und dann verschwinden sie wieder. Als wäre nichts passiert? Wird die Brache wieder das sein, was sie vor dem JUNIPARK einmal war? Oder wird sie anders sein?

Das Gelände des JUNIPARKS muss wieder so aussehen, wie es zuvor war. Die Blumen, die mit Kindern und Jugendlichen gepflanzt worden sind, müssen alle wieder weg. Auch die? Ja! Das Projekt war temporär angelegt. Aber selbst die? Wieso die Pflanzen alle wieder aus der Erde reißen? Sie sind mit Kindern und Jugendlichen hier ausgesät worden und gewachsen. Der JUNIPARK steht auf einer Brache. Wen werden sie stören? Wieso können nicht neben den Pflanzen, den Brennnesseln, Gräsern, den Unkrauten, die hier schon waren und wachsen, auch die Neuen leben?

Tja.

An diesem letzten Tag gibt es Leute, die schauen nur mal so vorbei. Andere bleiben, steigen auf den Turm, viele treffen sich, trinken etwas, freuen sich auf das Essen, das gekocht wird. Weitere sitzen auf der Tribüne, schauen sich das Theater an. Es wird gespielt, gesungen. Die nächsten helfen, den Salat zu waschen. Einige passen auf, dass sich niemand verletzt, diverse singen. Mehrere tanzen, wenige rollen über den Tanzboden, viele plaudern von neuen Projekten, oder sehen zu, wie jene was machen, malen, rappen, moderieren. Ein paar sind schon mit wegräumen beschäftigt. Besucher packen sich die Pflanzen, die jetzt aus dem JUNIPARK-Garten entfernt werden, ein. Nehmen sie mit nach Hause. „Wir geben ihnen auf unserem Balkon Asyl und werden sie hegen und pflegen, in Gedenken an den JUNIPARK “ sprechen sie ihren Dank für die Geschenkten aus.

An was werden sich die Mitwirkenden des JUNIPARKS, die Veranstalter, die Organisatoren, an was die älteren Nachbarn und Nachbarinnen, die Kinder, die hier in der Nähe leben, die Jugendlichen, die Hundespaziergänger, die Verantwortlichen, die Geldgeber, die Theaterbesucher, die Jogger, die Spaziergänger, die Turm-Ausichts-Genießer, die Schülerinnen und Schüler, die an Workshops teilgenommen haben, die Studenten, die mit diskutiert, gebaut, gearbeitet haben, die Theatermacher, die zufälligen Besucher, die Überredeten, die Freunde, Köche, Praktikanten, Praktikantinnen, Schnippelwerkstattteilnehmer, der Wachschutz, die kleinen Helfer und die großen, an was werden sie sich erinnern?

Im Gedächtnis bleiben werden wahrscheinlich die vielen kleinen Geschicht(ch)en, die sie im JUNIPARK erlebt haben.

Sie müssen erzählt werden, dann…

Antonia

JUNIPARK – Finaltag

Heute war ich zum zweiten und zum letzten Mal im JUNIPARK. Es war etwas kühler, kurzzeitig regnete es ein klein wenig und der Himmel war recht wolkenverhangen. Dass der Himmel etwas dunkler war, machte die Aussicht auf die alte Start- und Landebahn vom Aussichtsturm aber um einiges besser.

Zu Beginn streunte ich nur ein wenig auf dem Gelände herum, ich kannte es ja bereits, sprach hier und da mit jemandem (es waren deutlich mehr Leute da als bei meinem ersten Besuch) und schaute mir die kleinen Basteleien aus Pappe, Papier, Klopapierrollen, Tüchern etc. an, die nun im Gerüst hingen. Zudem sind seit meinem letzten Besuch ein paar Bänder mit Texten, die an eine Demonstration erinnern (sollen) und sich um das Thema „wohnen“ drehten.

Allein diese Dekorationen, diese Bänder mit den Slogans machten einem Besucher etwas mehr klar, worum es beim JUNIPARK geht. Die Arena wurde noch mehr zu einem modernen Kunstwerk (obwohl zumindest in England schon Spiegel als moderne Kunst gelten – Ist ein Insider) und war ausdrucksstärker als bei meinem ersten Besuch.

Dann begann der Talk. Es war nunmehr der vierte und er drehte sich um das Tempelhofer Feld, um die Projekte, die dort gemacht wurden, und im Wesentlichen um die Infrastruktur, um die Bebauung des Feldes. Dort hieß es unter anderem, dass die Bebauung theoretisch Vorteile hätte, aber praktisch nicht umsetzbar sei. Zudem fiel ein Satz, der mir in Erinnerung blieb: „Jugendliche haben keine Lobby.“ – Ich werde hier unparteiisch bleiben.

Der Talk zog sich über eine bis zwei Stunden und verlor teilweise leider ein bisschen das Grundthema. Während des Talks ließ ich mich in der Hängematte nieder, genoss den leichten Wind und hörte zu. Zudem dachte ich nach:

Klar könnte man das Tempelhofer Feld mit vielen Wohnungen bebauen, nur wohin mit dem Abwasser? Wie soll man das wegleiten? Wie soll man das verbinden? Zudem würden Neukölln dann mehrere Hektar Parkgelände fehlen. Trotzdem gibt es immer mehr Menschen, die Wohnungen brauchen. Ihr könnt euch eure Meinung da gern selbst bilden.

Irgendwann ging ich zum Nachbarschafts-Kochen. Als Lichtenberger gehöre ich zwar nicht zur unmittelbaren Nachbarschaft, aber ich wollte mich ein wenig nützlich machen.

„Kann ich helfen?“, fragte ich eine Dame dort.

„Klar – geh‘ mal zu dem Herrn da drüben, der macht jetzt irgendwas mit Fleisch.“ – Fleisch klingt immer gut. Ich war einverstanden.

Ich ging also zu dem Mann und wir formten kleine Boulettchen aus dem mit Lauch verfeinerten und gut gewürzten Hackfleisch. Diese kleinen Bouletten sollten möglichst flach sein, damit sie schnell durch sind, weil die Kochplatten aus Stromgründen nicht ganz so gut seien. Ich zerdrückte das Fleisch also, tat es in mundgerechte Häppchen zerteilt (also das Fleisch, nicht ich) in die Pfanne und briet es von beiden Seiten, bis es eine schöne Farbe hatte und sich gut durchgebraten anfühlte.

Es schmeckte übrigens recht rauchig und kräftig. Es war ganz in Ordnung, viele mögen es sicher. Ich fand es wie gesagt okay. Hinter mir und dem Mann, der auch seine Kinder und seine Mutter (ich gehe mal davon aus, es war seine Mutter und damit die Großmutter der Kinder) dabei hatte, wurde an diversen Salaten gewerkelt.

Irgendwann ging der Talk zu Ende und die Open Stage begann. Open Stage bedeutet Offene Bühne. Auf Englisch hört sich doch alles besser an: Vergleichen wir mal Tank mit Panzerkraftwagen. Oder I make big business und Ich verrichte das große Geschäft. Und dasselbe gilt eben für Open Stage und Offene Bühne. Englisch klingt einfach cool (= kühl).

Und das erinnerte mich wieder an meinen vergangenen Schüleraustausch, der eben in England stattfand. Englisch ist – auch aus der Kultur – heute einfach nicht mehr wegzudenken. Englisch ist einfach die verbreitetste Sprache der Welt, nach Fachchinesisch. Was das alles mit Open Stage zu tun hat? Keine Ahnung.

Das Konzept der Open Stage wurde sicherlich schon mehrmals in anderen Beiträgen erwähnt, doch diese sind so zahl- und umfangreich, dass ich diese mittlerweile nicht mehr im Auge habe. Deshalb erkläre ich es nochmal: Open Stage ist etwas, bei dem jeder sich zur Schau stellen kann und etwas zeigt. Einige Leute haben den Cupsong gemacht, andere getanzt (und zwar in fünf Anläufen) oder gerappt. Zwischendurch kamen ein paar Rollschuhtänzer und zeigten ihre Künste.

Das ganze streckte sich über zwei Stunden. Währenddessen war ich zweimal an der Juniversal Bar, wo ich mir einen kleinen Scherz mit den „Barkeeperinnen“ erlaubt habe. Ich habe zuerst gefragt, wie viel das Getränk denn koste, das sei aber sehr teuer für’n Wasser, soviel habe ich doch gar nicht – Und dann habe ich meinen Gutschein auf den Tresen gelegt. War zwar nicht lustig, aber Gott, das Geklapper von den Bechern war mir irgendwann zu viel.

An dieser Stelle sollte eigentlich etwas über Stadtgeister, das Theaterstück, welches heute im JUNIPARK aufgeführt wurde, geschrieben werden, aber um ehrlich zu sein: Um achtzehn Uhr bin ich nach Hause gegangen. Ich war müde, es war ein umfangreiches Wochenende, und ich wollte einfach nur noch den Blogbeitrag verfassen.

Ich verabschiedete mich also von Anne Pfaffenholz und Julia Schreiner, aß noch eine der kleinen Bouletten und trank meine Markenlimonade aus, dann verließ ich den JUNIPARK.

Am Ende bin ich nur zweimal dort gewesen, beim ersten Mal erfreut, aber nicht vollends begeistert, und heute mit… einer inneren Befriedigung. Es schloss ein (sehr, sehr, sehr) kurzes Kapitel ab, und auch wenn es nicht viele Erinnerungen sind, sind sie dafür umso schöner und werden mir umso länger bleiben.

Projekte wie den JUNIPARK wird es hoffentlich öfter geben. Und wer weiß, vielleicht feiert der JUNIPARK selbst irgendwann ein Comeback. Denn im Eingangsbereich hing ein Zettel mit der Aufschrift: „28. Juni 2016 – Eintritt frei. Es begrüßt Sie: Inga!“ – Man darf hoffen.

Ich wäre immer bereit, wieder ein Stadtschreiber zu sein. Und mehr Zeit zu investieren. Denn derzeit ist es bei mir zeitlich recht eng bezüglich meinen schulischen Dingen, meinen anderen Projekten, meinem Berufspraktikum nächstes Jahr und Sachen, über die ich hier und jetzt noch nicht rede.

Es war schön, und ich werde mich gern daran erinnern. Ich bedanke mich bei Julia Schreiner dafür, dass sie sich an mich gewandt hat und mir anbot, hieran teilzunehmen. Das JUNIPARK-Projekt ist wichtig – denn es hilft, sich eine eigene Meinung über das unscheinbar wichtige Thema Wohnen zu bilden.

Es wird ein weiterer Post mit Fotos vom heutigen Tag kommen.

Und nun auf zu neuen Ufern.

-Bent-Erik

Territorien

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„Territorium (lateinisch terra ‚Land’,’Gebiet’) bezeichnet einen von Grenzen eingefassten räumlichen Bereich, auf den ein Hoheitsanspruch erhoben wird (Gebietsanspruch. Das Wort ist eine moderne Entsprechung des ursprünglichen Begriffs Gebiet “ So steht es bei Wikipedia.

Im JUNIPARK verweisen laminierte Hinweisschilder durch das Territorienlabyrinth. Sie entstammen einem Bauprojekt mit Schülerinnen und Schülern der Klasse 9/21 der Otto-Hahn-Schule aus Neukölln, unter der Künstlerischen Leitung von Fred Pommerehn. Es geht um die Frage, was „Eigentum“ ist: 

Warum kann man etwas besitzen?

Wer darf entscheiden, wo etwas gebaut wird?

Wem gehört die Stadt?

Die Eigentums-Recherchen werden uns in einem Ausstellungsparcours präsentiert:

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man kann über einen roten Teppich laufen

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gehäkelte Gebiete ertasten 

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durch Guckkästen schauen

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die Richtung wechseln oder sich dem Farbspiel hingeben

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verschlungene Zeichen zu verstehen suchen

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Turmhöhlen besteigen

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in fremde Gesichter blicken…

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Antonia

Klänge der Großstadt

Ca. 25 Zuschauer haben sich an diesem sonnigen Nachmittag im Junipark eingefunden. Von der Tribüne werden wir abgeholt und an der Seite entlang geführt. In der unteren Bühnenlandschaft wollen wir uns die Präsentation von „WOHNTON“ ansehen. Und um dort hin zu gelangen, werden wir an Blumenbeeten vorbei, in denen Tomatenstauden, Nutzkräuter und Blumen wachsen, zur Vorstellung gebracht. Mit dem Hinweis: Achtung!!! Es gibt Löcher im Boden und Gerüststangen, über die man steigen muss. Holzbretter dienen als Stege. Sie führen uns quasi in den Bauch des JUNIPARKS, unter die Tribüne.

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Hier ist die gute Wohnstube denke ich. Die Rederei hat hier ihr zu Hause bezogen. Es gibt bunte Bänke, Stühle, mit Kissen, farbig gemalte Schränkchen, Tischchen. Es sieht gemütlich aus. Eine Art geistig intellektuelles Gewächshaus. 

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Wo der JUNIPARK anfangs noch ein eher etwas abweisendes, kühles Stahlgerüst war, ist er inzwischen zu einem anziehenden und angezogenen Ort geworden. Nicht, das man hier übernachten könnte, aber während des Tages dient er sehr wohl als Heimstätte für unterschiedlichste Gruppen und Besucher, die inzwischen regelmäßig hier sind. Und wir, sind jetzt am Ort der Aufführung angelangt. 

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Die performative Soundinstallation beginnt. Schülerinnen und Schüler der Hector-Peterson-Schule in Kreuzberg haben diese Performance in Kooperation mit dem Houseclub/HAU vom Hebbel am Ufer erarbeitet. Unter der Anleitung von Niels Bovri, der mit den Jugendlichen mitspielt. Sie quasi in der Soundcollage dirigiert. Die Jugendlichen haben sich vorab Gedanken gemacht, wie sie wohnen wollen und es aktuell gerade tun. Haben zusammen getragen mit welchen Gegenständen sie sich umgeben. Und sich gefragt: Wie klingt ein Stuhl? Ein Computer? Das Bett? Uns werden ihre Ergebnisse jetzt präsentiert. Wir erleben, wie vertraute Gegenstände zu akustischen Instrumenten werden. Ein Stuhl klappt auf, klappt zu, klappt auf, klappt zu. Hören eine Collage aus Geräuschen, Tönen, Seufzern,Lauten. Es fistelt, ruft, klackert, klotzt, rauscht, krumpelt.

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Dabei sehen wir in dem performativen Spiel die ewige Wiederholung. Das jeden Morgen auf die gleiche Weise stattfindende Ritual: geweckt werden, aufstehen, sich auf den Weg machen. Dann wechselt die Szene. Aber auch die Arbeit, wohl offensichtlich primär am Computer, geschieht in ständiger Wiederholung. Wir hören das nachgeahmte Geräusch von Computertastaturen bis zum Ende. Bis zum Ende. Bis zum Ende unserer Tage. Eines der mitwirkenden Mädchen steht nicht mehr auf. Es hilft kein Wecken mehr. So wird sie symbolisch auf den Boden gelegt. Ja, wir alle sind endlich. Und dann beginnt auch schon das stürmische Finale. Eine Art eigenwilliger Tanz mit den Elementen, zuvor noch Tisch, Stuhl und Bett, findet statt. Nichts bleibt mehr wo und was es ist. Das wüste Szenario unserer Zukunft?

Als die Performance zu Ende ist, klatscht das Publikum, bewegt sich im Anschluss aber nicht gleich wieder raus aus dem bunten Gestänge, weg von diesem Aufführungsort. Zwischen unschlüssig, wo wir als nächstes hin gehen sollen und dem Gefühl, es ist gerade so nett hier, bleiben wir noch eine Weile. Bis wir vom Spielleiter aufgefordert werden doch bitte zu gehen. In 15 Minuten wird das kleine Stück noch einmal aufgeführt. Und bis dahin muss alles wieder an seinen Platz aufgeräumt und zusammengebaut sein. Ja, es ist ein ewiger Kreislauf.

Antonia

Regenkonzert

Es schüttet. Bindfadenregen. Blasen auf den Pfützen. Klack klack. Die Tropfen prasseln auf das Gerüst und tropfen von den Stangen. Klack klack klack auf Metall. Überall. Das Essemble von „Home Sweet Home“ probt auf der Tribüne unter dem kleinen Dach. Der einzige Ort, der im Junipark noch trocken ist. Klack klack klack. Durch den lauten Regen kann ich sie kaum hören. Ich stehe unter meinem Schirm und höre den Regentropfen zu. Wenn der Regen auf den Tanzteppich trifft, klingt er ganz dumpf. Plop, plop, plop. Dazwischen ein klack auf Metall, klack, plop, klack, plop. Ein Regenkonzert.
„Na, schönes Wetter, was?“ ruft mir der Wachmann zu. „Bitte?“, frage ich. „Niemand lacht hier“, sagt er und geht die Treppe zum Turm hoch. Ja, das Lachen ist heute Einigen vergangen. Die Präsentation von „Wohnen jetzt“ musste wegen des Wetters abgesagt werden. Die Schauspieler von „Home Sweet home“ hoffen noch, dass das Wetter besser wird und sie spielen dürfen.

Während wir warten, frisst sich der Regen weiter durch den Junipark, macht manch Neu-Entstandendes wieder kaputt. Mein Namensschild am selbstgehäkelten Band ist verwaschen, die Banner sind durchnässt. Aber ein paar Zuschauer finden den Weg in das Gerüst. Es ist 18 Uhr, „Home Sweet Home“ soll beginnen. Ich setze mich auf einen der wenigen trockenen Plätze auf der Tribüne. Anne Paffenholz, künstlerische Leitung, bittet um 15 Minuten Geduld bis „Home Sweet Home“ beginnt, um den Regenschauer abzuwarten. Und tatsächlich, der Regen wird schwächer und hört schließlich auf. Das Team des Essembles fängt an, den Tanzteppich vom Wasser zu befreien. Zwei Jungs aus dem Publikum helfen mit. Mit Schrubbern wischen sie das Wasser an die Seite, manchmal aber auch erst auf ihre eigenen Schuhe. „Schön, die beiden machen das richtig mit Inbrunnst, schwupp, schwupp!“, sagt eine ältere Zuschauerin hinter mir. Ich lache über diesen Kommentar. Wir sollen weitere Minuten warten, bis der Tanzteppich trocken ist, erklärt Anne Paffenholz. „Daumen drücken, dass wir trocken bleiben.“ Darauf kommt gleich die Antwort aus der Reihe hinter mir: „Das wird schon!“ ruft die Frau. Also schauen wir gespannt zu, wie der Tanzteppich und die Stühle getrocknet werden, weitere Minuten vergehen. Neben dem Junipark lichtet sich der Himmel ein kleines bisschen. „Guck mal! Jetzt wird’s richtig schön! Da ist ein Stück blauer Himmel“ – wieder der Kommentar von hinten. Nach weiteren zehn Minuten ist der Boden trocken, doch der Himmel wird wieder dunkler. „Home Sweet Home“, eine Musik-Theater-Performance von Christel Gbaguidi, beginnt.

Die Fragen des Stückes sind klar: Ist Wohnen ein Menschenrecht? Was bedeutet es, wohnungslos zu sein? Die Schauspieler tragen Gesetze vor, die das Recht auf Wohnraum betonen. Sie erzählen Geschichten über ihre Erfahrungen, die zeigen, dass der gewünschte Wohnraum keine Selbstverständlichkeit ist. „Wir brauchen die Wohnung, wir kriegen die Krise“ ist ein Mantra. „Home Sweet Home“ ist eine Performance über das Suchen und Finden verschiedener Wohn- und Lebensträume. Und den Wunsch, dass all diese Träume in Berlin einen Platz finden, nebeneinander und miteinander. Die Inszenierung ist ein Mix aus Sprachen und Kulturen, eine Mischung, die Berlin ausmacht. Die Laienkünstler und Musiker kommen aus sechs verschiedenen Nationen, wie Burkina Faso, Madagaskar, Italien und Israel, im Stück werden verschiedene Sprachen gesprochen.
Der Trompeter spielt ein langes Solo, etwa tragisch – passend zum wieder einsetzenden Regen, dazu erklingt ein afrikanisches Perkussion-Instrument, welches wie ein großes, hölzernes Xylophon ausshieht. Die Spieler singen mehrstimmig: „Home Sweet Home, Home Sweet Home“. Dabei stehen sie zwischen den Zuschauern, sodass ein Klangtepich entsteht.

Der Regen wird wieder stärker. Trotzdem kleben die Schauspieler nun Zettel mit Namen an die Zuschauer und ins Bühnenbild. „Zeitarbeiter, 27 / Studentin, 22 / Obdachloser, 17 / Susanne, 35“ steht auf ihnen geschrieben. Namen, die für jeden in Berlin stehen könnten, der auf der Suche nach Wohnraum ist.
Es regnet Blasen. Die Frau in der Reihe hinter mir macht sich Sorgen um eine junge Schauspielerin, die nur mit einem Kleid bekleidet auf dem Tanzteppich sitzt. Zu recht. Es ist furchtbar kalt und nass. Mittlerweile schüttet es, doch die Schauspieler wollen weiter spielen. Nach fünf weiteren Minuten im Starkregen bricht Regisseur Gbaguidi ab. Wir Zuschauer stehen auf und klatschen und hören lange nicht auf. Respekt vor der Leistung, noch so lange trotz des Wetters durchzuhalten. Gbaguidi ergreift das Wort. „Danke, ihr seid die besten! Der Regen ist unser Beispiel heute – er kann uns alle treffen. Es gibt viele obdachlose Menschen in Berlin, die dem Wetter ausgetzt sind. Wir wollten zeigen, was es bedeutet, wohnungslos zu sein. Aber nicht um den Preis, wenn man danach ins Krankenhaus muss. Deshalb brechen wir hier ab. Wir haben noch mehr zeigen, aber nicht heute. Danke, dass ihr ausgehalten habt.“ Wir klatschen wieder. Ich hören einen letzten Kommentar der Frau hinter mir: „Wir kommen wieder!“

Home Sweet Home, wieder am 29. Juni um 19.15 Uhr im Junipark.

Katharina